Das Kulturelle Gedächtnis und die digitalen Geisteswissenschaften

Arts & Culture
re:publica 2017

Short thesis: 

Das Kulturelle Gedächtnis, verstanden als generationenübergreifende, interaktionslose Kommunikation über aufgezeichnete kulturelle Äußerungen (Text, Musik, Malerei etc.), kann nur dann dauerhaft, nachvollziehbar und zuverlässig funktionieren, wenn der Kommunikationsfluss durch Gedächtnisinstitutionen organisiert wird. Gedächtnisinstitutionen pflegen das Kulturelle Gedächtnis durch den Aufbau eines Bestandes kultureller Äußerungen, ihre Bewahrung und Vermittlung an gegenwärtige und zukünftige Nutzer. Der Aufbau einer Sammlung entspringt im Analogen einer Idee, folgt einem Plan, entwickelt sich in der Geschichte, wird von Generation zu Generation weitergebaut, ist ortsgebunden, strukturiert und eingehegt. Mit anderen Worten: ermöglicht kulturelle Nachhaltigkeit. Nur, wenn sich kulturelle Nachhaltigkeit auch für über digitale Medien kommunizierte kulturelle Äußerungen gewährleisten lässt, kann auch von einem Funktionieren des Kulturellen Gedächtnisses im Digitalen gesprochen werden. Hierauf sind die digitalen Geisteswissenschaften angewiesen um nachhaltig Innovation und neues Wissen hervorbringen zu können!

Description: 

Wo das Internet zu einem Ort der blitzschnellen Vernetzung, des Austauschs von Nachrichten, der barrierefreien Interaktivität, des Kommentierens und Plauderns, aber auch des schnellen Zugriffs auf Information im beziehungslosen Nebeneinander geworden ist, bleiben die Gedächtnisinstitutionen (Bibliotheken, Archive, Museen und Mediatheken sowie Denkmal- und Städtebauliches Erbe) zuverlässige Räume des kulturellen Gedächtnisses und wirken je nach Bedarf als stabiler Vorratsspeicher von Informationen und als authentischer Echoraum und Ausgangspunkt für die Kommunikation mit vorangegangen Generationen. Vor allem sind sie physische Orte, an denen sich Menschen real begegnen und direkt austauschen können und an denen nicht nur der über eine kulturelle Objektiviation transportierte Inhalt, sondern auch die Materialität der kulturellen Äußerung erfahrbar ist. Im Digitalen fällt das weg. Aber auch das Digitale hat viele Vorzüge auch und insbesondere für die Wissenschaften. Die STM Wissenschaften brauchen eigentlich keine Bücher mehr und funktionieren ausschließlich digital. Die Geisteswissenschaften sind noch auf eine hybride Mediennutzung angewiesen. Viele Fragen stellen sich an der Schwelle und sollen mit Verantwortlichen für das Kulturelle Gedächtnis und Wissenschaftlern der Digital Humanities diskutiert werden. Macht mit und ergänzt die Liste der kontroversen Fragen! Bitte an: @elleneuler #rp17

Wie lassen sich die Vorzüge der digitalen und vernetzten Medien nachhaltig nutzbar machen und kulturelle Nachhaltigkeit auch im Digitalen schaffen?

Wie garantieren wir, dass wir die richtige Auswahl an Inhalten für das Kulturelle Gedächtnis im Digitalen treffen und nicht außerhalb gedächtnisstrategischer Gesichtspunkte z.B. rechtliche oder finanzielle Gesichtspunkte den Inhalt der Sammlung definieren?

Wie werden Gedächtnisinstitutionen mit Hilfe digitaler Medien von „Schatzhütern“ zu „Ermöglichern“?

Was bedeutet es, wenn wir nicht mehr Eigentum an materiellen kulturellen Objektiviationen, sondern nur noch Zugangsrechte zu flüchtigen, digital aufgezeichneten Inhalten erwerben?

Wie ist die Rückbesinnung auf materielle Körper (Schellackplatte, gebundene Bücher etc.) erklären?

Braucht es spezielle weitere „digitale Gedächtnisinstitutionen“ neben der klassischen Trias Museum, Archiv und Bibliothek, oder übernehmen diese auch das Digitale?

Welche Anforderungen haben die digitalen Geisteswissenschaften an das Kulturelle Gedächtnis?

Wie entwickeln wir unser Kulturelles Gedächtnis fort, wenn es nicht digital zur Verfügung steht?

Wie kann Kultur fortgeschrieben werden, wenn sie technisch aus der digitalen Neuverhandlung durch das samplen, anreichern und umdeuten fällt?

Was bedeutet es, dass wir unsere eigenen Bilder über zahlreiche Netzwerke mit der Welt teilen, Gedächtnisinstitutionen unser kulturelles Erbe aber nur hinter einer Glaswand (mit Wasserzeichen und restriktiven Lizenzen) zeigen und teilen?

Was sind die Folgen eines solchen Ungleichgewichts?

Wie kann unsere analoge Wirklichkeit mit ihren komplexen kulturellen Deutungsmustern in die vernetzte virtuelle Welt hineinreichen, wenn wir sie nicht verknüpfen können?

Wer will, kann über Twitter bis zum Termin weitere mögliche kontroverse Fragen senden! Bitte an @elleneuler #rp17

Stage 4
Monday, May 8, 2017 - 14:45 to 15:45
German
Discussion
Everyone

Tracks

Speakers

Editor, Project Manager
Prof. of Philosophy and Ethics of Information
Geschäftsführerin, Mainzer Zentrum für Digitalität in den Geistes- und Kulturwissenschaften
StV Geschäftsführerin Finanzen, Recht, Kommunikation