Carolin Emcke setzt sich für das Leise ein

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Carolin Emcke at #rp17

“Love out Loud!” – der Slogan scheint perfekt zu Carolin Emcke zu passen. Für ihr Buch “Gegen den Hass“ wurde ihr im Sommer 2016 der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels verliehen. Den Aufruf zur Liebe der re:publica teilt sie, aber nicht uneingeschränkt.

Der Imperativ ist Carolin Emcke zu einfach. Liebe kann man nicht befehlen, Liebe lässt sich nicht verfügen, sagt die Autorin. Liebe ist zu intim und fragil, um sie zu kontrollieren. Das Problem mit dem Wort Liebe ist, dass es heteronormativ verwendet wird. Aber was ist mit der Homosexualität? Selbst heute herrscht in Deutschland noch schamhafte peinliche Stille, wenn es um Homosexualität geht; Kinder sollen nicht zu früh Bescheid wissen. Noch im Jahr 2014 unterschrieben 82.000 Baden-Württemberger eine Petition gegen einen Lehrplan, der queere Familienmodelle vorstellen sollte. Die AfD zieht für ein klassisches Familienmodell ins Feld. Emcke ermutigt queere Menschen, sich zu zeigen, um das verzerrte Bild, das die Gesellschaft von queeren Lebensformen hat, abzulösen.

“Wer gedemütigt und verachtet wird, soll sich nicht selbst wehren müssen. Es braucht andere, die widersprechen”, sagt Emcke auf der re:publica bei ihrem Talk "Reflexion: Love out Loud" am Montagmittag. Damit führt sie ihre kontrovers diskutierte Rede zur Friedenspreisverleihung 2016 weiter: “Für Terror und Gewalt sind Staatsanwaltschaften und die Ermittlungsbehörden zuständig, aber für all die alltäglichen Formen der Missachtung und der Demütigung, für all die Zurichtungen und Zuschreibungen in vermeintlich homogene Kollektive, dafür sind wir alle zuständig.“ Wenn das nicht klappt, dann ist das keine Gesellschaft. Für eine pluralistische Gesellschaft braucht es aber nicht in erster Linie laute Liebe, sondern gleiche Rechte und Respekt für alle. “Manchmal reicht auch höfliche Gleichgültigkeit, wir müssen vielfältige Differenzen und Distanzen aushalten.”

Rechtspopulistische Bewegungen wie die AfD wollen das nicht, werben für ein vereinfachtes Bild einer 'deutschen' Gesellschaft. “Dieser ausgrenzende Fanatismus beschädigt nicht nur diejenigen, die er sich zum Opfern sucht, sondern alle, die in einer offenen, demokratischen Gesellschaft leben wollen“, sagte Emcke im Sommer 2016. Die Journalistin warnt jetzt davor, das Laute von den Rechten einfach zu übernehmen. “Wir brauchen das Leise, Tastende“, sagt sie. “Wir dürfen nicht vor lauter Verzweiflung nur noch die die laute, politisch eindeutige Gegenpropaganda beherrschen.” Wenn beim Widerstand gegen menschenverachtende Positionen nur noch die Verachtung der Nazis im Vordergrund stehe, widerspreche die Kritik sich selbst, sagt Emcke.

von Birte Mensing

Bildnachweis: re:publica/Greogr Fischer (CC BY-SA 2.0)

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