2019-10-02

ASAP

In diesem Jahr feiert Deutschland dreißigjähriges Jubiläum zum Mauerfall. Anstelle eines großen Gemeinschaftsbewusstseins ist jedoch eine zunehmende Individualisierung der Gesellschaft zu beobachten. Doch zumindest mit Beginn der „Schulstreiks* für das Klima“,  im August 2018  ist  auch in Deutschland wieder der Kern eines kollektiven Wir-Gefühls zu spüren. Eine Bewegung, die über Landesgrenzen, geschlechtsunabhängig und über ethnische-, religiöse- und Altersunterschiede hinaus, weltweit Anhänger*innen findet und Unterstützung erfährt. Der globale Schulstreik, den eine sechzehnjährige Schülerin aus Stockholm als Individuum gestartet hat, hebt aktuell die Weltpolitik aus den Angeln und wirkt somit in der öffentlichen Diskussion als Katalysator einer längst überfälligen Debatte rund um die weltweite Klimapolitik. Sie legt den Finger in die Wunde, wenn es darum geht, Ziele zu definieren, Entscheidungen zu treffen und einen radikalen Kurswechsel vorzunehmen. Es ist fünf vor 12. Die Zeit läuft gegen uns. Der Planet Erde und seine Bewohner*innen sind dabei, sich selbst abzuschaffen.

Das Motto der 14. re:publica Berlin 2020 lautet: ASAP (as soon as possible).

An drei Tagen im Mai 2020 wenden wir uns der realen und gefühlten Dringlichkeit zu, in der sich unsere globale und digitale Gesellschaft aktuell befindet.

  • ASAP meint: Nicht morgen, übermorgen oder in einem Jahr, sondern JETZT – und das so schnell wie möglich!
  • ASAP symbolisiert: Aufbruchstimmung, Aktionismus und Bewegung
  • ASAP muss: Druck ausüben, Stress auslösen, unbequem sein
  • ASAP steht für: Dringlichkeit, Ungeduld und Macht
  • ASAP fördert: Ungenauigkeit, Sucht und gesellschaftliche Beschleunigung
  • ASAP heißt: Unmittelbarkeit, Befriedigung und Bequemlichkeit
  • ASAP soll: Mitreißen, Mobilisieren und Aufwecken
  • ASAP ist: as soon as possible!

Wann ist ASAP?
Mit noch größerem Nachdruck als sonst beleuchten wir zur #rp20 Fragestellungen zur nachhaltigen digitalen Infrastruktur als Menschenrecht, die heutzutage eine gesellschaftliche Teilhabe erst ermöglicht. Wir hinterfragen die Langsamkeit der Prozesse, wenn es um Ressourceneffizienz und erneuerbare alternative Energien geht. Wir widmen uns den wichtigsten gesellschaftlichen sozialen, ökonomischen und ökologischen Fragen, die zunehmend ein freiheitliches und friedliches Miteinander gefährden. Wir suchen dabei den Dialog zu Themen des globalen Klimawandels, der Migrationspolitik, des Nationalismus und Rassismus und diskutieren die Parameter, die ausschlaggebend für gesellschaftspolitische Turbulenzen und wirtschaftliche Dynamiken sind. Immer wieder versichert die Politik derzeit das Notwendige so schnell wie möglich umzusetzen; doch uns ist das nicht schnell genug! In einer langatmigen sich im Kreis drehenden Debatten-Kultur vergeuden wir wertvolle Zeit! Was es jetzt bedarf ist Entscheidungsmut! ASAP!

Doch, welche Auswirkungen hat die Unmittelbarkeit von ASAP auf das heutige Miteinander? In unterschiedlichen Kontexten setzen wir uns damit unterschiedlichen Stimmungen und Reaktionen aus. Während eine “postwendende” digitale Antwort im Messenger oft für einen hohen Dopamin-Ausschuss und die innerhalb von zwei Stunden ausgelieferte Online-Bestellung für eine kurze Befriedigung sorgen können, kann ASAP im beruflichen Kontext schnell hohen Druck ausüben. Das in der Arbeitswelt geprägte Akronym mutiert häufig zu einer Floskel, die entweder Macht demonstrieren will und dadurch Stress auslöst, oder Gehorsam aufzeigt und damit (vermeintlich) Performance beweist. ASAP verkommt hier zu oft zu einem drohenden und verkehrten Mantra, in dem die Dringlichkeit das Ziel aushebelt. Dabei geht es vor allem um die Dialektik zwischen Geschwindigkeit und Qualität: Nicht immer ist ASAP die beste Entscheidung, wenn es durchdachte Lösungen fordert.

Oft jedoch ist ASAP nicht ASAP genug, wenn die Zeit als kostbarstes Gut und wertvollste Ressource gegen aktuelle Entwicklungen läuft. Die Welt ist durch die Digitalisierung ein großes Stück bequemer geworden, doch die ansteigende Geschwindigkeit macht der Gesellschaft zunehmend zu schaffen. Nämlich dort, wo sie gefordert ist und nicht umgesetzt wird. Und dort, wo sie aufgrund von Zeitmangel zu Ungenauigkeit führt. Durch die ständige Nutzung neuer, zunächst scheinbar ressourcenschonender und flexibilitätsbringender Technologien, passen wir uns dieser Dynamik an und erbringen im Dauerbetrieb und in einer immer engeren Taktung Leistung. Wir leben mehr denn je im Jetzt und denken dabei oft nicht an die Konsequenzen für uns, unsere Daten, unsere Umwelt und die uns nachfolgenden Generationen.

Wir möchten mit euch in einen utopischen Gedankenaustausch gehen, von euch lernen und gemeinsam schlauer werden: Welche Gefahren und neue Verantwortungen ergeben sich daraus für jede*n Einzelne*n und für die (digitale) Gesellschaft?

Wie wollen wir leben?
Wir wollen herausfinden, wie wir in Zukunft leben, arbeiten, forschen und lieben wollen.
Aufgrund der zu beobachtenden zunehmenden Demokratieverdrossenheit stellen wir uns und euch auch die Frage: Wie wollen wir künftig regiert werden? Welche Formen der Kommunikation bedarf es und wie schützt man eine Gesellschaft vor Entfremdung? Wir hinterfragen kritisch, ob und wann wir verlernt haben einander zuzuhören, zu vertrauen und füreinander da zu sein.

Gemeinsam mit euch möchten wir dabei das Raum-Zeit-Kontinuum beleuchten! Denn mal stellt ASAP ein "Sich-vor-Geschwindigkeit-selbst-Überholen" dar und mal steht es für unerträgliche bis unendliche Langsamkeit. Wir fragen euch: Wie erlebt ihr Zeit und wer entscheidet darüber?

Wir wollen mit euch auch darüber reden, wie man sich in einer "ASAP-Gesellschaft" Räume zur Entschleunigung bewahren kann, wie es sich achtsam miteinander leben lässt und welche Mechanismen uns vor Stress- und Geschwindigkeitssucht schützen können.

Wo fangen wir an?   
Die 14. re:publica Berlin wird geprägt sein von Menschen, die Aufbruchstimmung verbreiten und von jenen, denen die aktuellen Entwicklungen nicht schnell genug gehen. Menschen, die wohlüberlegte Lösungen präsentieren und zum Dialog einladen. Aber ebenso von denen, die für eine neue, bewusste Verlangsamung unserer Lebenswelt einstehen. Die #rp20 soll zum Mitmachen einladen. Dabei wollen wir diskutieren, was uns zum besseren Handeln motiviert und herausfinden, was es bedarf daraus konkrete Maßnahmen zu entwickeln. Wir wollen mit euch gemeinsam zivilgesellschaftliche Verantwortung übernehmen und Gestaltungsprozesse beschleunigen.

Auf der #rp20 werden wir zusammen das "Mögliche" ausloten, gute Ideen hervorheben und leere Worthülsen entlarven: Wer bestimmt, wie bald "soon" und was überhaupt "possible" ist?

Seid dabei! Es wird höchste Zeit!

ASAP. #rp20

* Ihr habt meine Träume gestohlen und meine Kindheit mit euren leeren Worten [...].Die Menschen leiden, sie sterben, ganze Ökosysteme berechen zusammen. Wir stehen am Beginn eines Massensterbens und alles, worüber ihr sprechen könnt, sind Geld und Märchen von ewigem Wirtschaftswachstum. Wie könnt ihr es wagen? [...] Wie könnt ihr es wagen, wegzuschauen und jetzt hier zu sagen, dass ihr genug tut, wenn die notwendige Politik und Lösungen noch immer nicht in Sicht sind. Ihr sagt, dass ihr uns hört und die Dringlichkeit versteht, aber egal, wie traurig und wütend ich bin, ich will das nicht glauben. [...] Genau jetzt, genau hier ziehen wir die Grenze. Die Welt erwacht und es kommt eine Veränderung, ob ihr es wollt oder nicht.            

Greta Thunberg, Auszug aus der Rede beim UN-Klimagipfel, 24.09.2019