2016-05-27

Ein fantastischer Auftakt: Der Musicday 2016 klingt noch immer in den Ohren!

Was bedeuten neue Technologien für die Musikbranche? Der Musicday 2016 auf der re:publica TEN zeigte verschiedene Varianten, wie Technologien die Musikproduktion und -visualisierung und selbst das Musiksammeln beeinflussen und erweitern.

Der Musicday erlebte einen fulminanten Auftakt, als wir ihn das erste Mal den auf der re:publica 2015 präsentierten. Damals zeichnete sich ab, dass Musik und Digitales Hand in Hand gehen und deswegen eine Bühne für Musikthemen gestaltet werden muss.

Für unser zehnjähriges Jubiläum haben wir das Kulturprogramm ausgeweitet und den Musicday in enger Kooperation mit dem Musicboard Berlin gestaltet. Am ersten re:publica-Tag begrüßten Katja Lucker vom Musicboard Berlin und Andreas Gebhard das gespannte Publikum im labore:tory.

Der Musicday fand in unserer neuen Location labore:tory statt, die wir im Kühlhaus neben der STATION Berlin eingerichtet haben, um über das Zwischenspiel von Kultur und Technologie zu diskutieren. Die spannendsten Themen waren in diesem Jahr Virtual und Augmented Reality und wie diese Technologien mit Musikerleben in Bezug gesetzt werden können.

Eröffnet wurde das labore:tory durch den Journalisten und VR-Experten Jan-Keno Janssen (‘ct, Heise) mit "Jenseits von Spielen: Was man alles mit Virtual Reality machen kann (zum Beispiel Pornos)". Jan-Keno plädierte dafür, VR noch viel weiter über den Rahmen des Gamings hinauszudenken. VR erzeuge eine Form von "Nähe", die für andere Genres höchst interessant sei und vielseitig ausgebaut werden könne, zu Beispiel auch für die Musikbranche. Musikmarketing, Musikkonzerte, Musikvideos und Musikproduktion sollten und müssten durch AR und VR neue Impulse bekommen.

[caption]Florian Sebald (Die Pfadfinderei), Patrik de Jong (Artificial Rome), Mate Steinforth (Sehsucht) und Alexandra Dröner[/caption]Die musikpolitische Seite wurde anschließend von der britischen Musikerin Roxanne de Bastion beleuchtet. In ihrem Vortrag "Female is not a Genre - about decentralization of the music industry"  berichtete sie über das Netzwerk From Me To You Music (#FM2U) für unabhängige MusikerInnen. Mit dem Netzwerk will die Speakerin die Musikindustrie fairer machen. Roxanne appellierte gezielt an die Tech-Branche, um gemeinschaftlich an einem dezentralisierten System zu arbeiten, und wies dabei auf die neuen Blockchain-Technologien hin, um damit "ein besseres und faires Musik-Business zu erschaffen."

Ein Highlight des Musicdays war das Panel "VR & AR is pushing music". Hier diskutierten mit Patrik de Jong (Artificial Rome), Mate Steinforth (Sehsucht) und Florian Sebald (Die Pfadfinderei) drei Vertreter von Design-Büros, die die Schnittstelle zwischen Musik, Sound und visueller Gestaltung in ihren Arbeiten bereits ausloten. Artificial Rome hatte in der Vergangenheit mit der Marke Sennheiser "Sound-Monoliten" kreiert, Die Pfadfinderei ist in Zusammenarbeit mit Sehsucht für das gelungene VR-Video „The Reminder“ von der Band Moderat verantwortlich. Alexandra Dröner, Musikjournalistin und selbsternannte "Raverin", führte durch das Gespräch. Dabei kristallisierte sich heraus, dass trotz einer spielerischen Neugier an Virtual Reality vielmehr die Augmented Reality für Musik und die Unterstützung musikalischer Inhalte die spannendere Technologie darstellt.

[caption align=left]Julian Vogels, Vanja Steinholtz, Mickael Pinto und Daniel Büttner zu "Start Ups in MusicTech"[/caption]Nach der Diskussion beleuchtete Alexandra Dröner in ihrem Vortrag eine weitere Facette an der Schnittstelle von Musik und Technologie mit "Music Mobile Apps - die Erweiterung des Hörerlebnis". Parallel zur Entwicklung, dass VR und AR das Musikerlebnis erweitern können, werden mittlerweile mobile Apps als Weiterführung für Songs oder ganze Alben entworfen. Bands wie Massive Attack oder Björk machen es vor, dass das CD-Box-Set mit verspielten Details und Extras nun digital gedacht und in unser heutiges Verständnis von Musikrezeption übertragen werden kann – und vielleicht sogar muss. Dröners Fazit blieb trotzdem verhalten. Viel könne in dem Bereich noch verbessert werden, da die Möglichkeiten bisweilen noch gar nicht klar seien. Richtig spannend fände Alexandra Dröner es allerdings, wenn mobile Apps das tatsächliche Produzieren von Musik demokratisieren würden und es verstärkt auf mobilen Geräten ermöglichten.

Der technologischen Stoßrichtung folgte auch G. Martin Butz. Er beeindruckte das Publikum aber mit einer Demonstration der kreativen Möglichkeiten von "Hörbar programmieren mit Sonic Pi". Butz ging von dem Klischee aus, dass Programmieren rational und kühl sei, Musik hingegen sinnlich und emotional. Hier setzt die Software Sonic Pi an. Bei diesem "Live Coding Synthesizer" kann die UserIn den Programm-Code, den sie schreibt, gleich direkt anhören. Die Vision ist allerdings gar nicht so neu, schon Brain Eno versuchte sich am musikalischen Coding.

[caption]Horst Weidenmüller (!K7 Music) diskutierte bei der Fishbowl zum Abschluss des Musicday[/caption]Was sich beim Nachwuchs tut, das zeigte das Arbeitsgespräch "Start Ups ins MusicTech". Vier Startups präsentierten ihre Ideen und Philosophien, um anschließend darüber zu diskutieren, wie neue Entwicklungen und Arbeitsweisen die Großen im Business und eingerostete Hierarchien in der Industrie aufmischen können. Vanja Steinholtz (Soundtrap), Julian Vogels (Soundbrenner), Daniel Büttner (Lofelt) und Mickael Pinto (WAM - we are music) verfolgen mit ihren Startups unterschiedliche Ziele: das kollaborative Komponieren, die Entwicklung neuer Instrumente, "vibrotactile Wearables" und eine Crowdworking-App für MusikerInnen. Das anschließende Gespräch war so fruchtbar, weil alle vier SpeakerInnen selbst MusikerInnen sind, die mit der Tech-Szene zusammenarbeiten, um die Ideologien und Bedürfnisse von Musikschaffenden zu verwirklichen.

Der Musicday wurde mit dem Abschlussgespräch Fishbowl rekapituliert. Unter Beteiligung von Eric Eitel (Music Pool Berlin) und Horst Weidenmüller (CEO von !K7 Music) reflektierten die SpeakerInnen Roxanne de Bastion und Vanja Steinholtz die Kernthemen des Musicdays: Welche Ansätze sind besonders reizvoll, um weitergedacht zu werden? Wo finden sich Überschneidungspunkte, aus denen neue Konzepte entstehen können? Und wie können neue Technologien zu einem erweiterten Musikerlebnis beitragen? Moderatorin Inken Bornholdt fragte gleich zu Beginn nach den Einschätzungen von VR für die Musikindustrie. Horst Weidemüller spannte den Bogen zur Compilation-Reihe X-Mix, die bereits in den 1990er-Jahren durch ihre Verknüpfung von Musik und Visuals immersive Live-Installationen ermöglichte. VR bleibe wohl für das Musik-Erlebnis live ein Zusatz. Die drängenden Fragen jedoch richten sich an die Monetarisierung und -distribution von Musik, wenn es um die innovative Nutzung neuer Technologien geht.

[video:https://www.youtube.com/watch?v=3u7XhRnFzXY&index=7&list=PLAR_6-tD7IZVB3KujByGewf7V0bv759Wi]

Evans Campbell von iHub aus Nairobi beschloss den ersten Tag im labore:tory. Bei ihm ging es leichtfüßig um "Getting Vinyl in Kenyan Basements to Collectors Globally". Evans Campbell gab dem Publikum einen kurzen Einblick über die blühende Entwicklung der Infrastruktur von Labels und Vinylproduktion in Kenia und in benachbarten Ländern in den 1990er-Jahren. Viele der damals produzierten Platten verschwanden aus der Zirkulation in die Plattensammlungen und sind nicht mehr zu finden, auch nicht auf Streaming-Diensten wie SoundCloud. Um diese Produktionen wieder zugänglich zu machen, initiierte Campbell mit weiteren "The Reclaim Project", das zudem als Dokumentation der eigenen Musikgeschichte und als Referenz und Materialpool für MusikerInnen dienen soll.

Was für ein fantastischer Auftakt des Musicday! Die Konzentration auf das Thema Musik auf einer Bühne hat sich gelohnt. SpeakerInnen und Publikum waren begeistert und mit der VR-Ausstellung in den oberen Stockwerken wurde der Technikbezug greifbar. Auch die Labor-Atmosphäre stiftete zum Experimentieren an. Wir können gespannt sein, welche Themen die Musikwelt in den kommenden Monaten beschäftigen werden.

Bildnachweis: re:publica/Jan Michalko (CC BY 2.0)