2016-10-12

#Guest Contribution: Bye bye London, hello Berlin?

Darf Irland Steueroase für IT-Konzerne sein? Ist der Brexit eine Gefahr für die Digitalwirtschaft? Helfen Social-Media-Konzerne bei der Terrorismus-Bekämpfung? In einer Serie beleuchten wir in Kooperation mit unserem Medienpartner euro|topics, wie der Diskurs zu Fragen der digitalen Wirtschaft und Gesellschaft auf der Grünen Insel und europaweit geführt wird. Bis zur #rpDUB bloggt euro|topics hier alle zwei Wochen zu brandaktuellen Fragen.

Bis heute ist das Vereinigte Königreich das Zugpferd der Start-Up- und Digitalwirtschaft in der EU. Zehn Prozent des britischen Bruttoinlandsprodukts werden im Technologiesektor erwirtschaftet, ein Drittel des EU-weit investierten Risikokapitals fließt nach Großbritannien. Das Land ist führend bei der Zahl neu gegründeter Unternehmen und Heimat von mehr als 40 Prozent der "Unicorns", also Start-Ups mit einem Wert von mehr als einer Milliarde Dollar.

Doch dieser Erfolg ist auch eng verknüpft mit den Vorteilen des europäischen Binnenmarktes: dem freien Verkehr von Waren, Finanzen und Arbeitskräften. Kein Wunder also, dass eine überwältigende Mehrheit der Unternehmer aus dem Technologiebereich sich gegen den Brexit ausgesprochen hat, laut einer Umfrage waren es 87 Prozent, berichtet The Guardian.

Die Unsicherheit nach dem Brexit-Votum

Aus dem Brexit-Votum ergeben sich für die meisten Unternehmen keine unmittelbaren Probleme, doch bereitet ein Faktor vielen zumindest Unbehagen: die Unsicherheit. Erst kürzlich kündigte zwar Theresa May, Großbritanniens Premierministerin, ihren Zeitrahmen für die Austrittsverhandlungen an. Doch wie der Austritt aus der EU letztlich genau ablaufen wird, welche Bedingungen zu erfüllen sein werden, ist noch immer gänzlich unklar. Die Vorstellung, dass der Brexit rein gar nichts kosten würde und dass die Vorteile der EU-Mitgliedschaft erhalten bleiben könnten, sei falsch, urteilt die renommierten Tageszeitung The Times.

Besonders für eine so international aufgestellte Branche wie den Tech-Sektor stellt sich nach dem Brexit-Votum daher die Frage, ob Großbritannien noch die richtige Adresse ist. Schon kurz nach Bekanntgabe der Wahlergebnisse vom 23. Juni liebäugelten einige Konzernchefs mit neuen Standorten für ihre Unternehmen. Andere kündigten an, zumindest die Expansionspläne zunächst auf Eis zu legen. Denn insbesondere, wenn der Brexit die Personenfreizügigkeit einschränken sollte, könnten Unternehmen auf der Insel Probleme bei der Suche nach Fachkräften bekommen. Und auch Gründer könnten sich künftig andere Orte aussuchen, um ihre Ideen zu verwirklichen. Die Hälfte der Gründer britischer Top-Tech-Start-Ups stammt heute immerhin aus dem Ausland.

Sorgen um Standort Europa

Davon könnten Standorte in anderen EU-Ländern profitieren, etwa Berlin, Londons größter Konkurrent in Sachen Start-Up-Szene. Doch auch Frankfurt, Amsterdam und  Dublin kommen infrage. Ist der Brexit damit gut für den Rest der EU? Mitnichten, findet Bhaskar Chakravorti von der Tufts University. Er sorgt sich um den Standort Europa als Ganzes: Europas Digitalwirtschaft, die im weltweiten Vergleich ohnehin in einer Art Dornröschenschlaf liegt, könnte weiter an Schwung verlieren, wenn Großbritannien geht. Europa hätte noch größere Schwierigkeiten, sich gegen die Konkurrenz aus Asien und den USA durchzusetzen.

Doch die Digital-Branche ist auch eine, die vom Optimismus lebt und so wirbt Gerard Grech, CEO der Tech City UK, in einem flammenden Plädoyer für selbigen – trotz oder gerade wegen des Brexits.

Bildernachweis: frankieleon (CC BY 2.0)