2017-07-18

re:view – Arts & Culture: Ich riskiere mein Leben für das Kätzchen!

Das Netz ist überall – und wir gestalten es. It‘s Culture, Baby! Auf dem Track Arts & Culture geht es auf der re:publica 2017 um digitale Kunst, Kulturpolitik, Netzaktivismus und Bildung. Das prominente Thema der Konferenz: Virtual Reality (VR) und was man damit so anstellen kann.

Here’s a quiz: What is a so-called “Gretchenfrage”? In Germany, most people should be able to answer that – it’s a crucial question that highlights the core of an issue, the name being derived from Goethe’s Faust. For everyone else there’s: Nutella or peanut butter with your breakfast? – That, for instance, would be one of a lower stakes sort.

Hier ein Quiz: Was ist eine Gretchenfrage? Das dürften die meisten beantworten können. Für alle anderen: Morgens Nutella oder Erdnussbutter? – Das ist eine.

Warum kennen wir aber die Gretchenfrage? Weil sie sich ins kulturelle Gedächtnis eingefügt hat und weitergegeben wird. Über Tontafeln und Pergamentrollen kann man sogar auf jahrtausendealtes Denken zurückgreifen. Das Netz hingegen verkompliziert die Wissensvermittlung: Es sind hauptsächlich gewinnorientierte Konzerne, die entscheiden, was behalten und was gelöscht wird. “Manche werden wichtige Dinge speichern, und einige werden unfassbar wichtige Dinge löschen“, mutmaßt der Informationsphilosoph Luciano Floridi bei der Gesprächsrunde um

das “kulturelle Gedächtnis“. Plattformen, die Kultur- und Wissenschaftseinrichtungen miteinander vernetzen und Wissen zugänglich machen, werden dabei immer wichtiger. Sonst erinnern sich die kommenden Generationen an Bibi. No offense.

Ein eher sinnlicher Ansatz für die Wissensvermittlung wird auf der Session “Wer verstehen will, muss fühlen – Was Virtual Reality besser kann“ gewählt. Beim WDR-Projekt “360 Grad Kölner Dom“ kann der steinerne Stolz von NRW mit VR-Brille erkundet werden. “Der Vorteil gegenüber der Realität: Man schwebt durch den Dom, ohne abstürzen zu können“, berichtet Stefan Domke vom WDR. “Man erlebt fünf unterschiedliche Orte im Dom, die teilweise in der Realität gar nicht zugänglich sind.“ Auch Erinnerungen können durch solch intensive VR-Erfahrungen am Leben gehalten werden. Die 360-Grad-Dokumentation “Inside Auschwitz“ hat zahlreiche re:publica-BesucherInnen in ihren Bann gezogen und ein völlig neues Bewusstsein für das unaussprechliche Leid in Konzentrationslagern geschaffen.

Dass sich Virtual Reality immer mehr in unseren Alltag einfügen wird, prognostiziert Technikjournalist Luca Caracciolo in seinem Talk “A Deep History of VR“. Er sagt: “Die Virtual Reality bietet dem Sozialen eine natürliche Sphäre zur Interaktion.” Es sei völlig klar, dass Facebook sein soziales Netzwerk auf die VR ausrichten werde. “Es wird in Zukunft völlig egal sein, wo wir sind”, prognostiziert Caracciolo. “Überall können wir uns Menschen dazuholen”. Wer meint, dass die VR-Welt nur illusorisch ist, für den hat Caracciolo das passende Video parat: Japanischen VR-ProbandInnen perlt der allzu reale Angstschweiß von der Stirn, als sie in einer computergenerierten Welt versuchen sollen, ein Kätzchen auf einem schmalen Holzbrett in 200 Metern Höhe zu retten. Die ProbandInnen zittern am ganzen Körper und balancieren mit ausgestreckten Armen – obwohl sie ja genau wissen, dass ihnen nichts passieren kann.

Hierzu am Ende noch eine Gretchenfrage: Ist das cool oder befremdlich?

Das waren natürlich nicht alle Diskussionsrunden, Talks und Meet-ups des Arts & Culture-Tracks auf der #rp17. Alle Themen findet ihr hier, Video- und Audiomitschnitte findet ihr in den jeweiligen Sessions oder direkt im Audio-Archiv oder auf YouTube

von Shea Westhoff (EJS)

Bildnachweis: re:publica/Jan Zappner(CC BY-SA 2.0)