2017-07-05

re:view – Politics & Society: Wir müssen neue Räume schaffen

Wie bewegt man sich eigentlich im Darknet? Und seit wann ist das Internet zu einem Raum für fertige Gedanken geworden, statt eine Diskussionsplattform für kontroverse Themen zu sein? Der Track “Politics & Society” hat mit knapp 150 Sessions während der re:publica 2017 Antworten geliefert.

Digitale Räume für Kontroverses seien nötig, findet Kübra Gümüsay. Jeder Einzelne von uns müsse sich wieder für neue Themen einsetzen statt der Diktatur von rechts zu folgen. ”Wochenlang haben wir über Schwarze als Nachbarn diskutiert und Talkshow für Talkshow Antworten auf die absurdesten Fragen gegeben. Dieser Zustand ist nicht normal“, sagt Gümüsay, ”sondern ein Armutszeugnis.“ Das Internet sei für sie einmal ein Ort gewesen, an dem sie Gedanken austauschen und entwickeln konnte. Heute würde nur noch zu Ende Gedachtes präsentiert.

Die Zeit ohne Hashtags und Social Media ist längst vorbei. Auch die Polizei hat das mittlerweile erkannt: In Deutschland existieren mittlerweile 219 Polizei-Accounts bei Facebook, Twitter & Co. Das ist verglichen mit anderen Nationen zwar wenig – in den Niederlanden gibt es ganze 2500 polizeilich geführte Social-Media-Accounts – aber die Tendenz steigt. André Karsten arbeitet in der Pressestelle der Polizei Frankfurt am Main und nutzt seine Reichweite nicht nur für Online-Klamauk: ”Die Kunst ist es, ernst genommen zu werden“, sagt er. ”Findet am Samstag eine Demo statt? Dann wird die Woche über nur lustig gepostet und auf einmal ernst, das nimmt einem keiner ab“, so Karsten in dem Talk “Wir hab’n Polizei!“. (Hier könnt ihr mehr darüber lesen).

Andreas May von der Generalstaatsanwaltschaft Frankfurt sagte in der Session ”Darknet – Das Internet der Zukunft?“, es sei absolut unverdächtig, den Torbrowser zu nutzen. Niemand müsse Sorge haben, dadurch in einer Rasterfahndung zu landen oder gar Angst um die eigenen Daten haben. May erntete vom misstrauischen Publikum dafür Buhrufe. Und das sei noch zu wenig Misstrauen, wenn man Daniel Moßbrucker von “Reporter ohne Grenzen” fragt. Die Leute würden immer noch viel zu häufig ”I've got nothing to hide“ denken, ihnen fehle die Sensibilität zur Datenverschlüsselung.

Glück im Unglück für die Journalisten Simon Hurtz (Süddeutsche Zeitung) und Kai Biermann (ZEIT): Die beiden haben mit ihren Teams bei den Menschen geklingelt, denen es egal ist, dass ihre Online-Bestellungen von Schusswaffen nachzuverfolgen sind. Das “Anonymous.Kollektiv” und der Onlineshop “Migrantenschreck” haben im vergangenen Jahr mit rechter Hetze dazu aufgerufen, sich zu bewaffnen und mit halb- und vollautomatischen Schusswaffen gegen Geflüchtete zu wehren. ”Wenn man sieht, dass Menschen bereit sind, 700 Euro auszugeben, dann ist mit denen irgendwas passiert, was nicht gut ist“, sagte Biermann.

Und wie hoch ist nun das Risiko, als kleiner Dealer im Darknet erwischt zu werden, wenn man nur weiche Drogen verkaufen will? Diese Frage aus dem Publikum wurde während der Session über die Zukunft des Darknets beantwortet, ohne einen Freibrief zu verteilen: Ermittler würden vor allem nach VerkäuferInnen und KundInnen suchen, die Inhalte bieten und schwere Gesetzesverstöße begehen. DrogendealerInnen, die hin und wieder Cannabis verkaufen, würden sich aber trotzdem nicht unter dem Radar bewegen.

Das waren natürlich nicht alle Themen des Politics & Society-Tracks auf der #rp17. Die Übersicht aller Talks, Meet-ups und Workshops – von Sascha Lobo, Caroline Sinders zum netzpolitischen Dialog mit Thomas de Maizière findet ihr hier, Video- und Audiomitschnitte findet ihr in den jeweiligen Sessions oder direkt im Audio-Archiv oder auf YouTube

von Theresa Liebig (EJS)

Bildnachweis: re:publica/Jan Michalko(CC BY-SA 2.0)