2017-06-06

re:view – science:fiction von Reporter-Kühen zu Trump als Golem

Das Verhältnis von Wissenschaft und Fiktion, von Technologie und Utopie war Thema vieler Sessions auf der re:publica. SpeakerInnen und BesucherInnen haben gemeinsam nach Strategien gesucht, wie sich die Visionen von Wissenschaft und Fiktion einem breiten Publikum näherbringen lassen.

Was in der Serie “Knight Rider“ noch utopisch erschien, ist heute normal: Damals war K.I.T.T., das sprechende Auto, eine Sensation. Heute sprechen wir wie selbstverständlich mit unserem Smartphone und fragen Siri oder den Google Assistant nach der nächsten Tankstelle.

Technische Erfindungen besitzen ihren Ursprung oft in der Popkultur. Bei "Star Trek" gab es bereits das Holodeck und den Universalübersetzer, in "2001: A Space Odyssey" wurden Vorreiter von Tablets und digitalen Medien skizziert, und Frankenstein und Golem nehmen die Neugier der ForscherInnen auf Künstliche Intelligenz vorweg.

Ein Avatar aus der jüdischen Mystik

Wie sich Science-Fiction-Ideen in die Realität holen lassen, darüber wurde auch bei der Session “Curating Science Fiction Art” diskutiert. Martina Lüdicke, Ausstellungskuratorin im Jüdischen Museum Berlin, hat sich für eine Ausstellung mit Künstlicher Intelligenz in Form des Golems befasst. Der Golem ist eine Figur aus der jüdischen Mystik und eine Art Avatar, den Mächtige aus Lehm erschaffen. Anschließend führt er ihre Befehle aus.

“Bei unserer Ausstellung haben wir uns gefragt: Wie schaffen wir es, dass der Golem für das Publikum relevant wird?”, sagte Lüdicke. Die Kuratorin entschied sich dann für folgende Variante: In einer Vitrine sahen die BesucherInnen eine weiße Basecap mit dem Trump-Slogan “Make America Great Again”. Ist Trump also ein Golem, der in Zukunft noch entfesselt wird? Darüber sollten die BesucherInnen spekulieren. Speaker Eden Kupermintz vom Utopia Filmfestival betonte: “Wer Ausstellungen oder Festivals zu Science-Fiction kuratiert, entscheidet mit der Auswahl seiner Inhalte auch, welches Bild die Öffentlichkeit von Science-Fiction bekommt.”

Wissen(schaft) für alle

Das Bild von Wissenschaft und Technologien in der Gesellschaft beschäftigte die BesucherInnen bei “#Scicomm: Meetup Wissenschaftskommunikation”. Vor welchen Herausforderungen stehen WissenschaftlerInnen, die der Bevölkerung ihre Forschung vermitteln wollen? “Ich mache zusammen mit der Uni Wien einen Podcast, in dem ich komplexe Wissenschaftsthemen so zu erklären versuche, dass sie jeder versteht”, erzählte Daniel Meßner, einer der Speaker der Session. Allerdings hätten viele Forscher vor einer Vereinfachung Angst, wandte eine Teilnehmerin ein, die mit einem Blog am Fraunhofer-Institut Stuttgart Wissenschaftler dazu animieren will, ihre Themen verständlich darzustellen.

Dass es für jeden von uns wichtig ist, grundlegende physikalische und technische Kenntnisse zu haben, davon sind Lieke Ploeger und Michael Ang überzeugt. In hrer Session “Community Building in Art, Science & Technology” stellten sie deshalb ihr Projekt “Spektrum” vor. Es bietet Nutzern online die Möglichkeit, sich über Projekte im Bereich Virtual Reality oder Artgames auszutauschen und dazu Arbeitsgemeinschaften zu bilden. “Die User können vom Feedback profitieren, das sie von den anderen bekommen”, sagte Ang.

Lässt sich Technologie in Zukunft dazu nutzen, bisher stimmlosen Akteuren eine Stimme zu verleihen? Bei “Was die Kuh meint – Sensorjournalismus. Wie Tiere und Dinge zu Reportern werden” stellten drei Entwickler- und JournalistInnen ihr ambitioniertes Projekt “Superkühe” vor, das Tiere zu Reportern machen soll: Drei Milchkühe bekommen Sensoren verpasst. Aus den Daten generiert ein Textroboter ab Herbst 2017 dann Geschichten – ein Aufbruch in eine neue Welt des Journalismus.

Das waren natürlich nicht alle Diskussionsrunden, Talks und Meet-ups des science:fiction-Tracks auf der #rp17. Alle Themen findet ihr hier, Video- und Audiomitschnitte findet ihr in den jeweiligen Sessions oder direkt im Audio-Archiv oder auf YouTube

von Laura Esslinger (EJS)

Bildnachweis: re:publica/Gregor Fischer (CC BY-SA 2.0)