2018-02-08
#rp18- und #MCB18-Eröffnungs-Keynoterin danah boyd: Gedanken(weit)sprünge ganz ohne Großbuchstaben
danah boyd #rp18 and #mcb18 speaker and head of Data & Society research institute in New York; photo credit: private

danah boyd #rp18 speaker and head of Data & Society research institute in New York; photo credit: private

Trommelwirbel für die gemeinsame re:publica und MEDIA CONVENTION Berlin-Eröffnungs-Keynoterin danah boyd. Sie erforscht, wie die (medialen) Umgebungen von Menschen die strukturellen Bedingungen verändern.

danah boyd (sie wird tatsächlich so geschrieben!) ist eine weithin bekannte Medienwissenschaftlerin und Sozialforscherin, die sich am Schnittpunkt von Technologie, Politik und Gesellschaft bewegt. Ursprünglich war ihr Plan, Astronautin zu werden. Doch nach einer Verletzung interessierte sie sich mehr für das Internet, denn: auch das bietet unendliche Weiten. boyd erforscht, wie die (medialen) Umgebungen von Menschen die strukturellen Bedingungen verändern, unter denen sie handeln –  und wie diese Umgebungen für die jeweils eigenen Bedürfnisse genutzt und umfunktioniert werden. Am 2. Mai wird sie als gemeinsame Keynote auf der Bühne 1 eröffnen.

In New York leitet danah boyd das Forschungsinstitut Data & Society und untersucht daneben für Microsoft gesellschaftspolitische und kulturelle Aspekte von sozialen Medien und Big Data. Bekannt wurde die US-Amerikanerin, die Informatik sowie Medienkunst und -Wissenschaften studierte, mit ihrer Doktorarbeit: Diese behandelte, wie Jugendliche das Internet nutzen, um neue Formen von Gemeinschaft und hybride Identitäten zu schaffen. 2007 zeigte sie so unter anderem, dass die meisten jungen Nutzer von Facebook damals weiße Mittel- und Oberschichtsteenager waren, während MySpace tendenziell finanziell schwächer gestellte farbige Teenager nutzten.

2009 kürte das Magazin Fast Company boyd zu einer der “einflussreichsten Frauen in der Technologie”, im Jahr 2010 nannte Fortune sie “die klügste Akademikerin im Bereich Tech”,  Foreign Policy nahm sie 2012 in die Top 100 Global Thinkers auf und auch 2013 zählte sie zu den “40 einflussreichsten Denkern zu Technologie”. 

Die Aufmerksamkeit ist boyd (trotz der Wohlverdientheit) nicht immer ganz geheuer:  Über die willentliche Kleinschreibung in ihres Namens sagt sie (und diagnostiziert damit gleich eine der größten Psychosen der Gegenwartsgesellschaft und des Internets): 


“Wie bereits Douglas Adams sagte: Großbuchstaben waren schon immer der beste Weg, Dinge handhabbar zu machen, auf die man keine gute Antwort hatte. Seit ich ein Kind war, wurde mir erzählt, dass sich die Welt nicht um mich dreht. Doch unsere Schriftkultur sagt mir etwas völlig Anderes: Warum schreiben wir nicht "wir" oder "sie" groß, sondern nur “ICH”? Ich habe recherchiert, woher die Großschreibung des Pronomens kommt und war ziemlich erstaunt, dass “Ich” ursprünglich eigentlich immer am Anfang des Satzes stand, nie in der Mitte. Und dann, als es anfing, mitten im Satz aufzutauchen, wurde es aus Gewohnheit großgeschrieben, weil die Leute Angst hatten, dass ihr Ich in der Schrift verloren gehen würde!“ 

Weshalb sie schließlich beschlossen hat, sich nur noch klein zu schreiben, genaueres kann man hier nachlesen. Ihr Blog ist ohnehin ein faszinierendes Logbuch danah boyds Denken und Reflektierens. 

Die Problemfelder, mit denen das Institut Data & Society sich auseinandersetzt, sind komplex und unser aller Dilemma: Automatisierung, Verantwortung und Werte in der digitalen Gesellschaft: Dieselben innovativen Technologien und soziotechnischen Praktiken, die unsere Gesellschaft rekonfigurieren und neue Interaktionsweisen, neu strukturiertes Wissen und disruptive Geschäftsparadigmen ermöglichen, können missbraucht werden, um die Privatsphäre zu beeinträchtigen, neue Wege der Diskriminierung zu schaffen und Einzelpersonen und Gemeinschaften Schaden zuzufügen.

Am besten erklärt sich ihr wissenschaftlicher Ansatz vielleicht an einer Anekdote, die sie jüngst über Twitter postete:
“Almost 1 month after getting stuck in “it’s a small world” during the @disneyland power outage, I still lay awake thinking: Who on earth thought to hook the music up to the back up generator? Why not the lights? Why the music in the dark?!?“

Auf der re:publica nimmt sie uns in ihrer Keynote "How an Algorithmic World Can Be Undermined" mit in eine Verortung ihrer akademischen Arbeit im Bezug zu aktuellen gesellschaftlichen Problemen. Sie startet den Versuch, die Welt der Forschung und Praxis zu verbinden. Danah sagt in einem Vorab-Interview: 

“Ich habe mitgeholfen, Data & Society’s Arbeit zu Medienmanipulation und Zukunft der Arbeit anzukurbeln, aber bin mehr daran interessiert, Forscher bei ihrer Arbeit zu unterstützen, die diese Fragen angenommen haben und über das hinausgehen, was ich mir zuerst darunter vorgestellt habe. Mein konzeptionelles Denken konzentriert sich dieser Tage darauf, die von verschiedenen Seiten bestrebten Bemühungen zu erschließen, Dateninfrastrukturen und Intermediäre zu unterminieren. Ich glaube, wir müssen erkennen, dass unsere Gesellschaft und unsere kulturellen Logiken Schwachstellen aufweisen und dass die Verbindung von Technologie und Gesellschaft alle möglichen neuen soziotechnischen Sicherheitsrisiken ermöglicht hat. Aus diesem Grund brauchen wir ein Framework und Mindset, um mit Problemen wie algorithmische Voreingenommenheit, kontradiktorisches maschinelles Lernen und Medienmanipulation anzugehen.”

Wir freuen uns auf den lebhaften Austausch! Und können zur Vorbereitung empfehlen:

Twitter: @zephoria @datasociety