2018-02-28
#rp18-Speaker Eyal Weizman: Medienforensik in Zeiten des Fake
#rp18 speaker Egal Weizmann; Photo credit: Paul Stuart for New Scientist

#rp18 speaker Egal Weizmann; Photo credit: Paul Stuart for New Scientist

Wir freuen uns auf den israelischen Autor und Architekten Eyal Weizman. In London leitet er die interdisziplinären Rechercheagentur “Forensic Architecture”. In seiner #rp18-Keynote "Forensic Architecture- Data against Devilry" wird er davon berichten, wie Technologien und Datenanalyse dabei helfen können, historische Fälle und gegenwärtiges Unrecht zu rekonstruieren und damit Standards für “verbriefte Wahrheiten” zu entwickeln. Eine große Aufgabe im Zeitalter der Fake News!

Bilder lassen sich als Waffen einsetzen: Die Propaganda-Videos des IS sind ein Beispiel dafür. Ebenso können Bilder und Daten wichtige Werkzeuge der Aufklärung sein. Wie weit ihre Macht gehen kann, zeigt seit einigen Jahren das Londoner Institut Forensic Architecture am Goldsmiths College.


Für Menschenrechtsorganisationen und Umweltschützer extrahieren Weizman und seine Mitarbeiter alle nur denkbaren Informationen aus Bildern und Videos, besonders aus Krisengebieten – und liefern Menschenrechts- und Umweltaktivisten mit ihren Analysen wertvolle “Munition” in Konflikten mit Staaten, Regierungen und Unternehmen. Anhand von Bild- und Videomaterial von Zivilisten und Aktivisten untersucht das Londoner Team aktuelle und historische Konflikte: Dabei reicht die Bandbreite von der Erfassung von Gewalt in den Grenzregionen Pakistans über die Wälder Südamerikas bis zum Israel-Palästina-Konflikt.

Auf der Überblicksseite zu den Fällen bietet sich ein ebenso beeindruckendes wie beklemmendes Panorama: Hinter ‘Saydnaya’ verbirgt sich ein akustischer Rundgang durch ein syrisches Foltergefängnis. ‘Black Friday’ zeigt das Bombardement von Wohnhäusern im letzten Gaza-Krieg. Das Abdriften eines Flüchtlingsboots im Mittelmeer wird rekonstruiert. Geheime Foltercamps in Kamerun im “Kampf gegen den Terror” dokumentiert. Dabei greift das Büro auf frei verfügbare Informationen zurück sowie auf Material von Partnerorganisationen vor Ort. 

In Deutschland waren sie unter anderem daran beteiligt, den NSU-Mord am Kioskbesitzer Halit Yozgat zu rekonstruieren und berechtigte Zweifel an den Aussagen eines V-Manns aufkommen zu lassen. Dieses Ergebnis wurde eindrucksvoll auf der Documenta 14 in Kassel gezeigt. Und sie halfen auch den deutschen Seenotrettern von “Jugend Rettet“ dabei, zu rekonstruieren, wie ihr Schiff Iuventa widerrechtlich von der italienischen Küstenwache im Mittelmeer beschlagnahmt wurde.

Nachdem 2016 bereits das investigative Recherchenetzwerk Bellingcat auf der re:publica zu Gast war und in diesem Jahr Adam Harvey gemeinsam mit dem Syrian Archive bei uns sprechen wird, runden wir unseren Schwerpunkt zu Technologie und Menschenrechten mit der beeindruckenden Arbeit von Weizman und dem Forensic Architecture ab. 

Was treibt Weizman an? "Es gibt zwar den Internationalen Gerichtshof in Den Haag. Aber der arbeitet sehr langsam, ist bürokratisch strukturiert und nimmt nur wenige Fälle an, die meisten davon aus Afrika", sagt er. Die eigentlichen Machtzentren blieben aber unberührt. "Wir müssen also kreativ sein in dem Sinne, wie und wo wir etwas präsentieren. Wie können wir eine Hebelwirkung erzielen und unsere Machtlosigkeit in Macht verwandeln?"

Weizman und sein Team leisten unbezahlbare Arbeit für die Aufklärung konkreter Fälle, aber auch für Opfer und Hinterbliebene, für die Stärkung von Menschenrechten und für den Kampf gegen staatliche Willkür. Nicht nur der NSU-Fall in Kassel zeigt: Es kann uns alle betreffen.

@weizman_eyal
@ForensicArchi 

Institut: www.forensic-architecture.org
Persönliche Webseite: www.gold.ac.uk/visual-cultures/w-eizman

Wissenschaftsjahr 2018 – Arbeitswelten der Zukunft

Das Wissenschaftsjahr 2018 widmet sich dem Thema Arbeitswelten der Zukunft. Durch die Digitalisierung, alternative Arbeitsmodelle und die Entwicklung künstlicher Intelligenz stehen Forschung und Zivilgesellschaft vor neuen Chancen und Herausforderungen: Wie werden die Menschen in Zukunft arbeiten? Wie machen sie sich fit dafür? Und welche Rolle spielen Wissenschaft und Forschung bei der Gestaltung eben dieser neuen Arbeitswelten? Das Wissenschaftsjahr 2018 zeigt, welchen Einfluss technische und soziale Innovationen auf die Arbeit von morgen haben – und wie diese nicht nur den Arbeitsalltag verändern, sondern auch neue Maßstäbe im gesellschaftspolitischen Dialog setzen. "Erleben. Erlernen. Gestalten." – unter diesem Motto werden Bürgerinnen und Bürger im Wissenschaftsjahr 2018 dazu aufgerufen mit zu machen, neue Fragen zu stellen und gemeinsam Lösungsansätze zu finden.

Die Wissenschaftsjahre sind eine Initiative des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) gemeinsam mit Wissenschaft im Dialog (WiD). Sie tragen als zentrales Instrument der Wissenschaftskommunikation Forschung in die Öffentlichkeit und unterstützen den Dialog zwischen Forschung und Gesellschaft. 

Wissenschaftsjahr 2018 - BMBF