2018-01-11
#rp18-Speakerin Katherine Maher: We gotta fight for our right to (free) knowledge

Von den fünf erfolgreichsten Webseiten der Welt (Google, YouTube, Facebook, Baidu und Wikipedia) ist lediglich eine nicht-kommerziell – und hat eine weibliche CEO. Die Einträge auf der gesuchten Webseite umfassen über vierzig Millionen enzyklopädische Artikel.  

Die Rede ist - natürlich- von der Wikipedia. Und der geschäftsführenden Wikimedianerin Katherine Roberts Maher, der einflussreichen Frau neben den Herren Schmidt, Li oder Zuckerberg. Freunde beschreiben Katherine als wie die Wikipedia selbst: offen, immer darum bemüht, ihr Wissen auszubauen- und voll von interessanten Fun Facts.   

Maher kann es als langjährige Verfechterin freier und offener Gesellschaften sowie Expertin für Nutzung von Technologien für sozialen Impact locker mit der oben genannten “Brotopia” (Emily Chang) aufnehmen. Sie hat auf der ganzen Welt gelebt und gearbeitet und beschäftigt sich vor allem mit den Auswirkungen von Technologie und Innovation auf Menschenrechte, Staatsführung (Governance) und internationale Entwicklungszusammenarbeit.  

Zwar bestätigt sie die vor allem seit letztem Jahr prävalente Erkenntnis, dass sich das Netz gerade eine eher unwirtliche Struktur befindet als „(…) zunehmend kommerzialisierter Ort, an dem die Privatsphäre illusorisch ist, wo Informationen algorithmisch mit einer ungeheuren Voreingenommenheit präsentiert werden". Aber: Kopf in den Sand stecken gilt nicht. Wie immer wird uns niemand retten, außer wir selbst.  

Der aktuelle öffentliche Diskurs konzentriert sich gerade eher auf das altbekannte Problem Fake News, doch die eigentliche Ursache wird übersehen: die kommerziellen Interessen, die einen virtuellen Raum schaffen, in dem Fehlinformationen nicht nur gedeihen, sondern belohnt werden. Mahers kostenloses Businessconsulting für Facebook & Co: Das Priorisieren von Informationen, anstatt den Benutzern die Beiträge zu anzuzeigen, auf die am häufigsten geklickt wird, um falsche Informationen und Nachrichten zu reduzieren.  

Tech for Good – das klingt für einige so “Silicon Silly” wie der neue (und sehr dumme) Trend “rohes Wasser”, vielleicht ist aber ein kleines bisschen des Anfangsversprechens des Internets auf freie, ungehinderte Information in der Hyperlinkstruktur hängen geblieben.  

Und immerhin ein Tropfen auf den heißen Stein, denn auch bei Wikipedia gibt es Probleme: Teils herrscht eine unschöne Diskussionskultur in den Foren, seit Jahren gehen die Mitschreiberzahlen zurück und diejenigen, die mitschreiben, sind wenig divers.  

Das Wissensrepositorium Wikipedias steht nicht nur hier vor den gleichen Herausforderungen wie andere große Technologieplattformen oder Unternehmen: Informationsverifikation, Widerstand gegen die flächendeckende technische Überwachung sowie (weitere) staatliche Eingriffe, Schutz der Privatsphäre und die Verpflichtung den Gender Gap zu schließen.  

Es gibt jedoch einen anderen Weg, wie Maher aufzeigt. Spannend ist zum Beispiel, das mit dem  “Wikimedia 2030”-Prozess gerade eine Neuausrichtung durchlaufen wurde, die es schafft, die Brille endlich auch auf die Vielzahl der Nutzer von Technologien und netzbasierten Dienstleistungen außerhalb des westlichen Kontexts zu richten. Ein Fokus, der gerade bei Unternehmen mit Sitz in Silicon Valley noch viel zu selten eingenommen wird. Das Valley mag davon träumen, die Welt zu verbinden, aber es isoliert sich zunehmend selbst. Auch der Horizont 2030 zeigte, dass Wikimedia nur einen Teil der Weltbevölkerung erreicht und nach wie vor ein Projekt des globalen Nordens ist.  

Den Blick über den Tellerrand verinnerlichte Katherine Maher schon früh, als sie noch plante, in mit der amerikanischen Außenpolitik verbundenen Organisationen tätig zu werden: Sie studierte gerade Arabisch in Kairo, als George W. Bushs Truppen in den Irak einmarschierten. Das führte zu einer persönlichen Kehrtwende: Zunächst arbeitete sie stattdessen für die HSBC in London, Toronto und Düsseldorf. Anschließend war sie für die Vereinten Nationen und die Weltbank tätig und suchte nach technischen Hilfsmitteln gegen Probleme in der HIV- und Aids-Behandlung in Ostafrika bis hin zur Unterernährung in Malawi. In Form von Andenken an ihre bisherigen Berufsstationen kann Maher also ohne Weiteres direkt von ihrem Sofa in San Francisco bis in die weite Welt sehen und darum geht es wohl grundsätzlich auch in Wiki-Strukturen.  

Das wichtigste Kriterium für die Prüfung der Wikipedia-Einträge ist die Relevanz: Freiwillige wurden sogar schon wegen ihrer Beiträge verhaftet. So gibt es z.B. den Fall eines Franzosen, der über eine Signal-Informations-Sammelaktion schrieb und von den Sicherheitsbehörden wegen Geheimnisverrats belangt werden sollte. In der Türkei beschränkt die Regierung den Zugang zur Website, weil sie politische Einträge zensieren will. In den USA unterstützt Wikimedia eine Klage gegen die National Security Agency (NSA) und ihr Programm “Upstream”, um sicherzustellen, dass Nutzer weiter online auf Wissen zugreifen können, ohne verfolgt zu werden. Denn eine Studie, die vom Berkeley Technology Law Journal veröffentlicht wurde, fand heraus, dass die Suche nach ’Terrorismus’-betreffenden Wikipedia-Artikeln nach Snowdens Whistleblowing um fast 30 Prozent zurückging.    

"Die größte Bedrohung für freie Informationen sind wir und unser Konsumverhalten", erklärt die Managerin. "Wir vergessen, wie wertvoll Wissen für die Entwicklung unserer Gesellschaft ist. Faktizität, Wissbegier, das hat uns immer vorwärtsgetrieben. Wenn wir die Wertschätzung dafür verlieren, dann beginnen, auch andere gesellschaftliche Strukturen zu bröckeln." Vertrauen und Transparenz sind die Elemente, die Maher als das stärkste Verkaufsargument der Wikipedia sieht. In der Tat können Besucher der Webseite Bearbeitungsprozesse rückverfolgen und Aktualisierungen, Änderungen und Fehlinformationen erkunden.  

Wir ballen die Aktivistenfaust, sind gespannt auf Katherine Mahers Ein- und Ausblicke zu Wikimedia 2030, der Rolle von Wissen und die Zukunft des offenen Netzes. Und wir versprechen ihr schon jetzt einen Platz auf der Karaoke-Bühne, denn singen, das kann sie auch noch!  

Twitter: @krmaher
Wikipedia: Katherine_(WMF)