2018-02-02
#rp18-Speakerin Orit Halpern: Extreme Zukünfte im technosozialen Stresstest
#rp18 speaker Orit Halpern; photo credit: private

#rp18 speaker Orit Halpern; photo credit: private

Unsere nächste Speakerin Orit Halpern ist ein hypermoderner Renaissancemensch: Sie ist Co-Direktorin des Speculative Life Research Lab am Milieux – Institute for Technology, Art and Culture, beschäftigt sich im Dienst an der Zukunft mit Interaktionsdesign und -theorie, Soziologie und Anthropologie und nutzt ihre multidisziplinäre Ausbildung, kühle Zahlen und Science Fiction-Szenarios, um unseren gesellschaftlichen Blick auf jene “Extreme” zu lenken, die uns allen jenseits von fliegenden Autos blühen könnten.

Ihr besonderes Augenmerk gilt dem Einfluss, den Big Data auf den Einzelnen und die Gesellschaft hat. Kybernetik – also: die Lehre von Kontrollsystemen – spielt eine große Rolle in ihren Überlegungen und damit auch die Frage, wie die Digitalisierung unsere Denkweise, unser Handeln und unsere Interpretation der Realität verändert. Die Betrachtung der Geschichte der “Intelligenz” und deren Beziehung zum Ideal der Selbstorganisation in den Humanwissenschaften, den digitalen Medien und der Gestaltung vereint in ganz unterschiedlichen Spielarten auch PoP (Power of People), unser diesjähriges Motto.

Eins zeichnet sich nämlich derzeit schon ab, wenn man sorgfältig die Überschriften in Zeitungen und Fachzeitschriften scrollt: Desaster und Katastrophen scheinen die menschliche Situation in Bezug auf die Umwelt, untereinander und andere Spezies, die unsere Erde bewohnen, zu definieren – und das Einzige, was wir dem entgegenzusetzen zu haben, ist das Zauberwort “Resilienz” (siehe ‘Hopeful Resilience", E-flux). Resilienz ist zu einer neuen Logik geworden, die den Planeten und seine Bewohner rechnerisch messbar und darstellbar macht und neuen Formen der technischen Manipulation und Aktion zugänglich macht. Wir leben also in einer Art technozialem Dauerstresstest. 

In einem von Halperns beiden neuen Buchprojekten,”Extreme Futures“ untersucht die Professorin deshalb ganz zeitgemäß, wie mithilfe von Design- und Konstruktionstechniken einerseits und versicherungsmathematischen Verfahren andererseits (vorgeblich) nicht-darstellbare und nicht-kalkulierbare Katastrophen im Umwelt-, Sicherheits- und Finanzbereich für uns handhabbar gemacht werden.

Durchgespielt hat sie das alles im letzten Sommer in einem der spannendsten Gedankenexperimente, das wir seit Langem gelesen haben, der Planetary Futures-Summerschool. Weil wir leider nicht (mehr) alle in Unis eingeschrieben sind, holen wir sie jetzt zum in die Zukunft blicken nun endlich auf unsere Bühne (nachdem sie im letzten Jahr leider kurzfristig absagen musste).

Orit Halpern wird mit uns Brücken schlagen zwischen Wissenschaftsgeschichte, Computing und Kybernetik auf der einen und Fragen der Gestaltung und Kunstpraxis auf der anderen Seite – stets im Spannungsfeld zwischen “Smartness” auf allen Bedeutungsebenen und Nachhaltigkeit: Die gute alte “Masse”, Entitäten, die zuvor als dumm, gefährlich, irrational und undemokratisch definiert wurden, erfahren heute eine Neudefinition als intelligent, vernetzt und wertvoll. Zusammen mit dieser diskursiven Wendung gehen Technologien und Praktiken neuer Medien einher. Diese Wendung von Vernünftigkeit zur Rationalität und weiter zur “Intelligenz” bildet aktuell die Informationsgrundlage dafür, wie wir uns die Zukunft menschlichen Lebens, Wohnens und die Zukunft des Planeten vorstellen und sie planen. 

In ihrem Erstling “Beautiful Data: A History of Vision and Reason since 1945“ präsentierte Halpern bereits eine Genealogie der Interaktivität und unserer modernen Obsessionen mit “Big Data” und Datenvisualisierung. In ihrem zweiten aktuellen Buchprojekt, das sie gerade am IKKM Weimar finalisiert, untersucht sie nun in “Smart Mandate” die Geschichte der Smartness. 
Das Buch-Narrativ spannt einen thematischen Bogen von Finanzen über die Theorien von Strategen der Guerillakriege in den antikolonialen Kämpfen Algeriens und Vietnams; das Management von Wäldern und Tierpopulationen bis zur "Smart City" der Gegenwart. 

Anhand dieser Beispiele macht Orit Halpern im Einzelnen sichtbar, wie Kollektivitäten, von Insektengemeinschaften bis zu Menschenmengen, einem Definitionswandel unterworfen waren: von der Einschätzung als gefährlich, paranoid, faschistisch oder kommunistisch hin zur Definition als Ressource, als Ort politischer Möglichkeiten oder eines finanziellen Nutzens, als ein zu “beschaffender“ Informationsträger, als Medium wie beim “Crowdsourcing” oder als “abzubauender” Rohstoff wie beim Data Mining. Parallel zum Betrachtungswandel von Population als Informationsträger erfolgte der Aufstieg der Ökologie und einer Neuformulierung der Umwelt im Sinne der Kommunikation und Relationalität. 

Wir hoffen, ihr bereitet euch gemeinsam mit uns für die intensive Stunde auf Bühne 1 zu Ökologie und Kybernetik seit den 1960er-Jahren vor –und fragt euch mit uns, was diese Felder mit neuen Taktiken zu tun haben, über Rassenkonflikte, Sex, Entkolonialisierung und Umweltkatastrophen zu sprechen. Wie stellen wir uns eine Zukunft vor, die pluralistischer, vielfältiger und gerechter ist als der gegenwärtige Zustand der Ressourcengewinnung und -macht, der im Namen der Sicherheit, des technologischen Fortschritts und des Wachstums propagiert wird?

Ihrer #rp18-Keynote "Resilient Speculation" wird ein Strudel aus Kybenetik, Ökologie und Finanzen, die im Moment die Infrastruktur unseres Planeten zur Smart City verändern. Als Einstieg empfehlen wir am 9. Februar den Livestream der Veranstaltung “Ways of Knowing Cities”. Dort sprechen neben Orit Halpern auch Wendy Chun und Vorjahressprecher Trevor Paglen!

Webseite: orithalpern.net
Weitere Lektüre: www.orithalpern.net/works.html  

 

Wissenschaftsjahr 2018 – Arbeitswelten der Zukunft

Das Wissenschaftsjahr 2018 widmet sich dem Thema Arbeitswelten der Zukunft. Durch die Digitalisierung, alternative Arbeitsmodelle und die Entwicklung künstlicher Intelligenz stehen Forschung und Zivilgesellschaft vor neuen Chancen und Herausforderungen: Wie werden die Menschen in Zukunft arbeiten? Wie machen sie sich fit dafür? Und welche Rolle spielen Wissenschaft und Forschung bei der Gestaltung eben dieser neuen Arbeitswelten? Das Wissenschaftsjahr 2018 zeigt, welchen Einfluss technische und soziale Innovationen auf die Arbeit von morgen haben – und wie diese nicht nur den Arbeitsalltag verändern, sondern auch neue Maßstäbe im gesellschaftspolitischen Dialog setzen. "Erleben. Erlernen. Gestalten." – unter diesem Motto werden Bürgerinnen und Bürger im Wissenschaftsjahr 2018 dazu aufgerufen mit zu machen, neue Fragen zu stellen und gemeinsam Lösungsansätze zu finden.

Die Wissenschaftsjahre sind eine Initiative des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) gemeinsam mit Wissenschaft im Dialog (WiD). Sie tragen als zentrales Instrument der Wissenschaftskommunikation Forschung in die Öffentlichkeit und unterstützen den Dialog zwischen Forschung und Gesellschaft. 

Wissenschaftsjahr 2018 - BMBF