2017-12-20
#rp18-Speakerin Wendy Chun: Discriminating Data – Individuals, Proxies, Neighborhoods

Der Dezember ist ein Monat voller Jahrestage: So jährt sich der Geburtstag der ersten modernen Programmiererin Grace Hopper, ebenso der von Ada Lovelace, Konstrukteurin des Urcomputers. Und leider jährt sich auch das “Massaker von Montreal”, bei dem 1989 im Polytechnikum 14 Maschinenbaustudentinnen erschossen wurden. In einem Brief begründete der Amokläufer seine misogyne Tat mit dem Hass auf Feministinnen, die einen sozialen Wandel anstrebten und die Privilegien von Männern an sich reißen wollten.

Diese Abwehr gegen Teilhabe von non-stereotypen Gruppen an der ganz wortwörtlichen Konstruktion der Welt – und somit auch an “Macht” – war für Wendy Chun Auslöser, ihr Studium in Ingenieurwissenschaften mit weiteren akademischen Feldern anzureichern, um zu verstehen, welche Rolle Technologien und die mit ihr verbundenen Herrschaftsdiskurse in unserer Gesellschaft spielen.

Zurzeit ist Professor Wendy Chun Vorsitzende des Departments of Modern Culture and Media an der Brown University New York. 2016/17 forschte sie u.a. als Guggenheim-Fellow und ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institute for Advanced Study in Princeton und Mitglied des Radcliffe Institute for Advanced Study in Harvard. Zuvor war sie unter anderem Gastprofessorin an der Copenhagen Business School, der Universität von Oregon, der New York University, Leuphana in Lüneburg und in Harvard.

Chun promovierte neben Literaturwissenschaften in ‘Systems Design Engineering’. Sie erforscht die Beziehung zwischen kulturellen Formationen und Maschinen, zwischen theoretischen Konzepten in den Geisteswissenschaften und technologischen Disziplinen sowie zwischen populären Vorstellungen von Technologie und technologischen Protokollen – um Antworten auf Fragen zu finden, die nicht in technischen Lehrbüchern stehen:

Wie wirkt sich der Einfluss von Steuerungstechnologien auf Massenmedien aus? Was machte das Internet, ein seit Jahren bestehendes Kommunikationsnetz, Mitte der 90er Jahre zu einem "neuen" oder "außergewöhnlichen" Medium? Wie unterscheidet sich das Konzept eines "Gedächtnisses" in ingenieurwissenschaftlichen, biologischen und geistes-und sozialwissenschaftlichen Disziplinen?

Während ihres Stipendiums in Berlin begann sie mit einem neuen Projekt zu Datenbias, das sie auf der re:publica vorstellen wird: Chun untersuchte die Kontinuität und Transformation von “Ethnie, Geschlecht, Klasse und Sexualität” und ist hier nah an der Arbeit der #rp18-Speakerin Safiya Noble, die wir euch bereits vorgestellt haben.

Nach Chun wirken Technologien am prägendsten, wenn sie nicht mehr “neu” sind, sondern wenn sie von der Innovation ins Alltägliche übergegangen sind. Eingeübtes Handeln "bleibt, indem es aus dem Bewusstsein verschwindet". Wir werden ständig dazu ermutigt, neue Handlungsmuster zu suchen- aber erst Gewohnheiten machen uns zu Gleichen unter Gleichen, und markieren z.B. soziale Klasse. An unserer Parkettsicherheit soll man uns erkennen. 

In ihrer Forschung untersucht Wendy Chun, wie sich die langsame Aneignung bewusster und unbewusster Gewohnheiten im Bezug auf Technologie, auf Unterscheidungen zwischen öffentlich und privat, Erinnerung und Speicherung, individuelle Handlungen und soziale Systeme auswirkt, wie sich unsere gewohnheitsmäßige Nutzung von Medien in der Standardisierung und Regulierung des sozialen und wirtschaftlichen Lebens ausdrückt.

In ihrem jüngsten Buch ’Updating to Remain the Same’ führt sie die Gedanken zu den Auswirkungen von physischen und digitalen Netzwerken auf das Erleben und die Vorstellung der heutigen Gesellschaft weiter, die sie in einer Trilogie über die Entstehung des Internets als personalisiertes Massenmedium begann.

Seid gespannt auf den Einblick in Discriminating Data – Individuals, Proxies, Neighborhoods!

 

Twitter: @whkckun  

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