2017-05-09

Virtual Reality: Ein alter Hut

Noch wirkt Virtual Reality wie eine Spielerei mit ausgedachten Parallelwelten. Doch Technikjournalist Luca Caracciolo prognostiziert in seinem Talk A deep history of VR am Dienstag, dass sie sich immer mehr in unseren Alltag einfügen wird – und erinnert daran, dass der Mensch schon seit Jahrtausenden mit Phantasiewelten lebt.

Vor knapp 2500 Jahren erzählte Platon das Höhlengleichnis: Die Menschen, so der Philosoph, leben in einer Welt aus Schatten – einer Scheinwelt, in der sie allenfalls Abbilder der wahren Ideen erkennen können. Ein ähnlicher Gedanke findet sich zwei Millennien später in der Popkultur: Im Film “Matrix” bewegen sich die Menschen in einer vorgetäuschten Welt, in Wirklichkeit sind alle Sklaven von bösen Maschinenwesen. Mit der Kluft zwischen Realität und Scheinwelt haben sich Menschen schon lange beschäftigt. Für Luca Caracciolo, Chefredakteur beim Magazin t3n, ein überholtes Problem: “Ab 2040 werden wir selbst entscheiden können, in welcher Welt wir leben wollen.”

Virtual Reality (VR) sei kein neuer Trend, sagt Caracciolo, sondern ein uraltes Bedürfnis der Menschen. Die Tagträumerei folgt demselben Prinzip; bis zu 35 Prozent der Tageszeit begebe sich der Mensch gedanklich ganz bewusst in eine herbeifantasierte Scheinwelt. “Der Mensch kann also an zwei Orten gleichzeitig sein”, sagt Caracciolo.

So eine computergenerierte Welt, in die VR-Brillen und -Helme uns hineinversetzen, wirkt irgendwie falsch, möchte man einwenden. Aber wer denkt, dass die VR-Welt nur illusorisch ist, der muss sich nur mal ansehen, wie japanischen VR-ProbandInnen der allzu reale Angstschweiß von der Stirn perlt, wenn diese in einer computergenerierten Welt versuchen sollen, ein Kätzchen auf einem schmalen Holzbrett in 200 Meter Höhe zu retten. Die ProbandInnen zittern am ganzen Körper, balancieren mit beiden Armen ausgestreckt – obwohl sie ja wissen, dass ihnen nichts passieren kann, da sie eigentlich festen Boden unter den Füßen haben.

2014 hat Facebook das VR-Startup Oculus gekauft, für über zwei Milliarden Dollar. Auf was hat Mark Zuckerberg gewettet? “Die Virtual Reality bietet dem Sozialen eine natürliche Sphäre zur Interaktion”, sagt Caracciolo. Völlig klar, dass Facebook sein soziales Netzwerk auf die VR ausrichten wird. “Es wird in Zukunft völlig egal sein, wo wir sind”, prognostiziert Caracciolo. “Überall können wir uns Menschen dazuholen.”

von Shea Westhoff (EJS) und Kerstin Grünewald (FF)

Bildnachweis: Kerstin Grünewald