Religiöse Erweckungsbewegung mit Minicomputer? – Ein Besuch des SCC auf der #rp17

2017_scc_rp17_img_9974.jpg

Elisabeth, Manfred, Karola (v. l.) vom SCC auf der #rp17.

Wie erlebten die Mitglieder des Senioren Computer Clubs (SCC) die #rp17? Hier teilen fünf Mitglieder ihre Eindrücke mit uns. Ganz weit oben stand bei ihnen der Vortrag von Gunter Dueck, doch das ist längst nicht alles.

Fast wie eine religiöse Erweckungsbewegung (1)

“Sie war bunt, sie war voll und sie war anders: die re:publica 2017, die am Mittwoch am alten Postbahnhof am Gleisdreieck zu Ende ging. Rund 9.000 BesucherInnen haben sich in den drei Tagen eingefunden. Und es wurde all das geboten, was ich erwartet hatte: Stände – von Google bis Siemens – mit hochinteressanten Informationen bis hin zu völlig sinnlosen Dingen, Medienleuten, Nerds und ‘normalen’ Besuchern. Alles wie immer also? Nein!

Ich war seit fünf Jahren nicht mehr dort. Damals herrschte in Sachen digitaler Kommunikation und Netz eine unglaublich euphorische Stimmung – es war fast wie eine religiöse Erweckungsbewegung. Durch das Netz erschien die Welt wie erlöst. Alles wird transparent, jedermann kann seine Meinung frei äußern, die Herrschenden werden kontrolliert, kurz: Alles wird besser, alles wird gut!

Nein, Katzenjammer war auch in diesem Jahr nicht angesagt. Ich hatte nur den Eindruck, dass hinter die gesamte digitale Entwicklung immer mehr Fragezeichen gesetzt werden. Kein Wunder, wir erlebten die NSA-Affäre, den Brexit und die Wahl eines Donald Trump zum US-Präsidenten sowie den Aufstieg rechtsextremer Parteien fast überall in Europa. Und all das hat viel mit der Entwicklung des Internets zu tun. Und so war es kein Zufall, dass bei einer Veranstaltung mit dem Motto “Love out Loud“ das Wort ‘Hass’ zum Unwort wurde. Bereits bei der Eröffnung rief Tanja Haeusler, Mitbegründerin der Konferenz, dazu auf, Solidarität mit denen zu zeigen, die Opfer von Hass im Netz wurden: ‘Wir wollen die digitale Welt nicht den Arschlöchern überlassen.’

Speaker Gunter Dueck war in diesem Jahr für mich der Höhepunkt der re:publica. Er beschäftigte sich bei seinem diesjährigen Auftritt mit dem Phänomen der Aufmerksamkeit. Es geht immer darum, möglichst viele Klicks auf seiner Seite zu verbuchen, kurz: Aufmerksamkeit zu erregen. Und das geht besonders gut mit Fake-News. Wie so etwas funktionieren kann, spielte er anhand einer vermeintlich fremdgehenden Angela Merkel durch.

Ist dieses Beispiel eher komisch, so können andere Falschmeldungen für Firmen den Ruin bedeuten. Dueck erklärte das am Beispiel von Aktienoptionen, also sogenannten ‘Derivaten’, deren Kurs man mit entsprechenden Fake-News manipulieren kann und dabei verdienen wenige in kurzer Zeit sehr viel, während andere sehr viel verlieren. Das alles ist keinesfalls Zukunftsmusik, es ist hochaktuell. Und doch, so der Eindruck von Dueck, werden diese Themen in der Öffentlichkeit nicht breit diskutiert, flüchten sich viele Politiker, aber auch Journalisten, in Nebensächlichkeiten.

Fazit: Die diesjährige re:publica könnte dazu beitragen, uns künftig diesen Themen verstärkt zu widmen. Und das wäre ein Gewinn für jeden von uns.”

Peter Steiner, Mitglied des SCC

 

Die Highlights von Elisabeth Graff (2)

“Zu meinen Highlights auf der re:publica gehörte der Vortrag von Professor Dueck – Kult auf der re:publica. Dieses Mal frei nach Descartes: ‘Man kennt mich, also bin ich.’ Wer es nicht versteht, die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken, existiert nicht. Die Methoden, Aufmerksamkeit zu erlangen, spielen dabei keine Rolle. Print- und Elektronikmedien bieten vielfältige Möglichkeiten. All das mit der entsprechenden Portion Augenzwinkern, Geist und Humor vorgetragen: Ein guter Einstieg in den Tag.

Ebenso der Vortrag Arbeit 4.0 der Bundesministerin für Arbeit, Andrea Nahles. Die Veranstaltung war so nachgefragt, dass bei verschlossener Tür nur jemand nachrücken konnte, wenn ein anderer sie verließ. Viele hatten deshalb auf dem Fußboden Platz genommen. Die Ministerin befürchtet nicht, dass Arbeit überflüssig werden könnte. Sie ist allerdings der Meinung, dass es einen starken Wandel gibt, und berücksichtigt in ihrem Entwurf Arbeit 4.0 gerade die Veränderungen, die sich durch die Digitalisierung bereits ergeben haben und noch ergeben werden. Dem Publikum wurde reichlich Zeit zum Nachfragen eingeräumt. Die Ministerin reagierte auf die Fragen mit Interesse, Kompetenz und Humor.

Handtellergroß und stabil, obwohl das Gerät sehr zerbrechlich aussieht: Calliope mini ist ein neuer Minisomputer, mit dem Kinder spielerisch programmieren lernen können. Ein bezahlbares Geschenk für Kinder ab etwa 6 Jahren. Mir gefällt, dass im Umgang mit Calliope gestaltet und nicht nur konsumiert wird. So erschließen sich den Kindern die Gesetzmäßigkeiten der digitalen Welt. Das Start-up Calliope wird gemeinsam mit Google und dem Fraunhofer Institut dazu beitragen, im Rahmen eines groß angelegten Projektes in den Schulen mehr Kinder für Technik zu begeistern. Ich bin zuversichtlich, dass das gelingt. Übrigens: der Senioren Computer Club Berlin-Mitte ist dabei, ein generationenübergreifendes Programmier-Projekt mit ‘Roberta’, einem Computer auf Lego-Basis, umzusetzen.”

Elisabeth Graff, Vorsitzende des SCC

 

Überall Fake-News (3)

“ ‘LOVE OUT LOUD‘ – unter diesem Motto stand die diesjährige re:publica 2017. Was erwartet mich? Im Vorfeld hatte ich mich informiert. Es geht um den gesellschaftlichen Umgang miteinander im Netz, unter anderem den Umgang mit Hass, wie um Fake-News sowie um Presse‐ und Meinungsfreiheit. ‘Lies niemals die Kommentare!‘, lautet ein Glaubenssatz im Netz, denn in den Kommentaren regiert der Hass. Auch wenn ich als Seniorin nicht ständig die sozialen Netzwerke mit den Kommentaren lese, kann es auch Onlineartikel, Webseiten, Bilder und Videos betreffen.

“Als Fake-News werden lancierte bzw. veröffentlichte ‘vorgetäuschte Nachrichten‘ bzw. Falschmeldungen bezeichnet, die sich überwiegend im Internet, insbesondere in sozialen Netzwerken und anderen sozialen Medien zum Teil viral verbreiten und mitunter auch von Journalisten aufgegriffen werden.“  – Wikipedia

Konfrontiert mit zahlreichen Schlagwörtern wie ‘Fake-News‘, ‘Filterblasen‘, ‘Hate Speech‘, ‘Social Bots‘, ‘Fact Checking’, ‘Netz Trolle‘ habe ich mich zuerst für den Vortrag ‘Flachsinn ‐ über gute und schlechte Aufmerksamkeit, wie man sie bekommt, wer gewinnt und wohin alles führt‘ von Gunter Dueck entschieden. Als Seniorin habe ich den kurzweiligen Vortrag genossen. Im Anschluss besuchte ich die Area mit ihren zahlreichen Ständen. Auch hier war der Begriff ‘Fake-News’ überpräsent, ob am Stand von ZDF, rbb oder Deutschlandradio.

Fazit: Nach drei Tagen Besuch der re:publica mit seinen zahlreichen Vorträgen und Talkrunden ist das Thema ‘Fake-News’ für mich verständlich und aktuell. Ein guter Ansatz, um dagegen vorzugehen, ist sie zu erkennen und nicht weiterzuverbreiten. Es gibt u. a. die Webseite hoaxmap.org (Initatorin Katharina Schwarz). Hier werden Falschmeldungen gesammelt und entkräftet.”

Karola Krause, Mitglied des SCC
 

 

Die erste re:publica (4)

“Das Thema re:publica hat mich bisher noch nie beschäftigt. Ich habe im Club in der Vergangenheit Kurse besucht, nehme an zwei Interessengemeinschaften teil sowie an diversen Veranstaltungen des Clublebens. Also habe ich erst einmal Wikipedia gefragt, was die re:publica ist – da bin ich gespannt, was mich erwartet.

Mein erster Eindruck, als ich in die große Halle mit den vielen Ständen trat: Es ist eine Veranstaltung, die aus Werbung und Selbstdarstellung besteht. Wie gesagt, der erste Eindruck! Ein wenig später musste ich mich, als ich einen Vortrag besuchte, korrigieren. Bei dem Talk von Markus Beckedahl, ‘Lol, Rights?!’, lernte ich viele Dinge über das Netz und Netzsicherheit. Auch lernte ich, dass die BRD innerhalb der EU den niedrigsten Standard hat, was die Sicherheit für den Bürger betrifft. Schuld daran ist meiner Meinung nach die ‘gute Arbeit‘ der Lobbyisten.

Was ich ahnte, aber neu für mich war, ist, dass der Bundesnachrichtendienst (BND) meine Daten sechs Monate lang speichern darf. Damit noch nicht genug: Er darf diese ungestraft an die National Security Agency (NSA) weitergeben. Wie formulierte Frau Merkel so schön? Ausspionieren unter Freunden geht gar nicht! Auch meinen zweiten Vortrag des schweizer Professors Felix Stalder, ‘Die Algorithmen, die wir brauchen’, fand ich sehr interessant.

Zwei interessante Vorträge vom zweiten Tag möchte ich noch erwähnen. Den Vortrag Professor Duecks sowie den Vortrag von Herrn Kucklick. Beide haben auf den ersten Blick nicht viel gemeinsam. Das betraf sowohl die Art und Weise des Vortrags als auch die Themen. Für mich zeigten beide Themen das typische Verhalten der Menschen in unserer heutigen Gesellschaft. Zitierte Professor Dueck noch den Satz ‘Geh nicht zu deinem Fürst, wenn du nicht gerufen wirst‘, wurde in beiden Vorträgen deutlich, dass heute vielmehr diejenigen ‘Erfolg‘ haben, die es verstehen, sich lauthals bemerkbar zu machen.

Fazit: Die re:publica war für mich eine ganz neue Erfahrung. Ich habe eine Menge über das Netz und das Verhalten im Netz gelernt. Da ich es nicht mehr gewohnt bin, so lange zuzuhören, war für mich der erste Tag ein anstrengender. Bestätigt hat sich, was ich täglich in der Wirklichkeit spüre. Statt sich miteinander persönlich zu unterhalten, steht die Technik im Vordergrund. Meistens bemerkt man nicht einmal sein Gegenüber.“

Manfred, 74, seit 4 Jahren Mitglied im SCC

 

Medienkompetenz ist immer auch Altersvorsorge (5)

“Nun ist die diesjährige re:publica längst Geschichte. Alle schauen nach vorn auf Anfang Mai nächsten Jahres. Vom 2. bis 4. Mai 2018 heißt es: Auf ein Neues! Vor vier Jahren hatte ein Studierender aus Potsdam die Idee, zu beobachten, wie es wäre, wenn bei dieser Gelegenheit verschiedene Generationen, also wir Senioren 65+ und die doch im Durchschnitt erhebliche jüngere Gemeinde, bei der re.publica aufeinander treffen würden.

Ich erinnere noch die mediale Aufregung und das Interesse daran. Wir waren damals 12 Mitglieder des Senioren Computer Clubs Berlin-Mitte, die sich in das Neuland wagten. Seitdem waren wir in einer kleinen Gruppe in jedem Jahr vertreten. Die ‘Silberhaarigen‘ sind inzwischen nicht mehr so exotisch im Erscheinungsbild. Nun bin ich kein ‘Neuling’ mehr, hatte mich im Vorfeld informiert und versucht, die für den Club interessantesten Veranstaltungen ausfindig zu machen. Die re:publica als Gesellschaftskonferenz ist wirklich in der Gesellschaft angekommen.

In diesem Jahr war für mich der Einstieg mit Carolin Emcke bemerkenswert. Natürlich war ich auch bei Gunter Dueck. Seit ich ihn anlässlich der Kür der ‘Digitalen Köpfe Deutschlands‘ 2014 bei der Gesellschaft für Informatik erlebt habe, bin ich glühender Fan. Elisabeth Wehlings ‘Die Macht der Sprachbilder‘ oder auch Frau Andreas Nahles zum Thema ‘Bedingungsloses Grundeinkommen – (K)eine Antwort auf den digitalen Wandel‘ waren für mich wichtig. Gut auch, dass man die Beiträge nachhören und -sehen kann.

Fazit: Ich stelle fest, die re:publica ist ein wichtiger Impulsgeber zum Themenkreis des Wandels in der Gesellschaft. Sie regt Diskussionen an. Ich möchte die Erfahrungen nicht mehr missen. Für mich ist es wichtig, auch die Älteren mit ins ‘digitale‘ Boot zu nehmen, noch bestehende Hemmschwellen und Skepsis zu überwinden. Medienkompetenz ist immer auch Altersvorsorge. Ich freue mich schon, auf die nächste re:publica und hoffe, dass wir mit einer kleinen Gruppe dabei sein können. In unserem Format ‘Vortrag und Kaffeeklatsch‘ geben wir unsere Erlebnisse und Anregungen an die anderen Clubmitglieder weiter.“

Günter Voß, Koordinator SCC Berlin-Mitte

 
Bildernachweis: Günter Voß/SCC