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“7 von 83 Kundinnen fanden die folgende Rezension hilfreich” – Eine Produktrezensionslesung

Short thesis

Produktrezensionen beeinflussen nachweislich die Entscheidungen anderer Käuferinnen.
In Verkaufsportalen ist ein bunter Blumenstrauß an misanthropen Ausbrüchen, epischen Beschreibungen und “Versand war sehr schnell”-Blüten zu finden.
Da Produkte einen erheblichen Teil unserer Identitätsfindung ausmachen, wird es also höchste Zeit, der Produktrezension mehr Aufmerksamkeit zu schenken: Frau Matthey und Frau Meyer lassen eine Auswahl der schönsten Rezensionen Revue passieren.

Description

“Wenn das Produkt nicht in Ordnung wäre würde ich es reklamieren [...]” (“Uwe 54”, 21. Juli 2014)

Der Keramikmesserblock, die Bluetooth-Stereoanlage oder der Katzenkalender 2015: Eine Kaufentscheidung will angesichts fragmentierter Lebensentwürfe wohl bedacht sein - sie kann Orientierung geben oder sogar zur Entfremdung führen. In einer Welt, die mit Werbung und PR durchsetzt ist, bietet die Produktrezension die Möglichkeit, ein Produkt auf seine tatsächlichen Leistungen, Inhalte und Eigenschaften zu reduzieren und zu bewerten. Hier kann Konsumentinnensouveränität wiedergewonnen werden, besonders in Bereichen, in denen die Nachfrage der Kundinnen oft als nicht (mehr) ausschlaggebend für das Angebot wahrgenommen wird.

Prinzipiell jede (mit Internetzugang) kann sich hier verwirklichen – noch nicht mal der tatsächliche Besitz oder Kauf des Produkts ist Voraussetzung für einen Beitrag. Jede Konsumentin hat so die Möglichkeit selber zur Produzentin zu werden. Die Produktrezension ist _die_ Möglichkeit, im Internet Content zu produzieren, ohne dauerhaft Teil von sozial und/oder technisch komplexen Plattformen sein zu müssen. (Online) konsumieren tun wir schließlich fast alle.

Ob aber Textfragment aus einer zeitgenössischen Theaterperformance oder Rezension zum Schnellhefter – die Grenzen sind mittlerweile fließend. Als “Auftritt des Alltags” schwankt die Rezension zwischen Authentizität und Selbstinszenierung. Wir begreifen daher in dieser Lesung das Internet als einen theatralen Raum und geben der Produktrezension, deren Ästhetik bisher weitgehend unbeachtet blieb, eine Bühne.

 

* Aus pragmatischen Gründen verwenden wir hier das generische Femininum. Menschen, die sich anderen Geschlechtsidentitäten zuordnen, sind natürlich mitgemeint.