re:publica 25
26th-28th May 2025
STATION Berlin
Popkultur, wie wir sie kannten, hat immer von Freiheit gehandelt und von der Befreiung. Popkultur handelte von der Befreiung von den Eltern und aus der Gesellschaft der Eltern. Popkultur handelte von der sexuellen Befreiung, von der Befreiung aus rassistischen Verhältnissen, sie handelte von der Befreiung marginalisierter Gruppen, von der Überwindung des Status Quo - und sei es nur, indem man sich als „smalltown boy“ oder „smalltown girl“ aus der Enge der Verhältnisse des Lebens in der Provinz befreit, um ein neues, schöneres, freieres Leben in der Großstadt zu führen, eben dort, wo alle sich sammeln, die mit dem Gesamtzustand ebenso unzufrieden sind wie man selbst. Das galt seit der Erfindung der Popkultur, wie wir sie kennen – sagen wir mal: im Jahr 1945 –, über Generationen hinweg.
Aber irgendwann im Lauf der Nuller- und Zehnerjahre scheint hier etwas zerbrochen zu sein: Aus dem Wunsch, sich zu befreien, wurde ein emanzipatorischer Aktivismus, der vielen Menschen Hoffnung und Empowerment schenkte - der auf viele andere Menschen aber zugleich wie eine Einengung wirkte und wie die Errichtung neuer Zwänge: Bist Du nicht für mich, dann bist Du gegen mich; denkst und sprichst Du nicht wie ich, dann bist Du mein Feind. In dieser Zeit ging der avantgardistischen Popkultur ihr Freiheitsbegriff verloren – bis sie plötzlich feststellen musste, dass er die Seite gewechselt hatte: Von Freiheit redeten mit der größten Überzeugungkraft nun plötzlich die Rechten und Reaktionären, sie versprachen den Menschen, sie von „Zensur“ und „Sprachregelungen“ zu befreien, von „Cancel Culture“ und „Wokeness“. Im Jahr 2025 sind sie nun zu denjenigen geworden, die die Macht haben und die Diskurse bestimmen: Unter dem Deckbegriff der Befreiung etablieren sie ihrerseits neue Arten der Zensur, der Unfreiheit, der Diktatur. Die Lage ist beschissen, und es sieht nicht so aus, als ob ein Vortrag auf der re:publica daran etwas ändern könnte. Aber vielleicht können wir an dieser Stelle wenigstens über die Frage nachdenken, welche Freiheit es eigentlich ist, die uns am Herzen liegt, und wie es dazu kam und was wir dagegen tun können, dass unsere Idee von Freiheit von so vielen anderen Menschen als Unfreiheit verstanden wird, von der sie erlöst werden wollen.
Eine Signierstunde mit Jens Balzer findet am Büchertisch vom Kulturkaufhaus Dussmann am 27.05. von 17.45 - 18.15 Uhr statt.