Geschichte schreiben! Die Historiker und der digitale Raum.

Research & Education
re:publica 2015

Short thesis: 

Wie kommende Generationen auf das heutige Internet zurückblicken werden, hängt sehr von der Geschichtsschreibung zukünftiger Historiker ab. Welche Geschichtsbilder diese Historiker dabei prägen werden, hängt wiederum stark von den Quellen ab, die ihnen für ihre Forschung zur Verfügung stehen werden. Deshalb sind die Archivierung des Internet und die Geschichtsschreibung des digitalen Raumes keine akademischen Orchideen, sondern von hoher kultureller Bedeutung.

Description: 

„Das Internet“ schreibt Geschichte, es beeinflusst massiv den Verlauf des Weltgeschehens. Die Geschichtswissenschaft, deren Aufgabe ja landläufig darin besteht, geschichtliche Zusammenhänge wissenschaftlich-kritisch zu analysieren und zu deuten, befasst sich bislang jedoch noch fast gar nicht mit dem Internet als historischem Phänomen. Man könnte das für ein Problem aus dem akademischen Elfenbeinturm halten, aber das wäre ein großer Fehler. Denn wie der Schriftsteller Samuel Butler schon sagte: „Der Unterschied zwischen Gott und den Historikern besteht hauptsächlich darin, dass Gott die Vergangenheit nicht mehr ändern kann.“ Geschichtsforschung produziert – das heißt: sie konstruiert – Geschichtsbilder, und diese sind oft hochpolitisch und mitunter Gegenstand erbitterter gesellschaftlicher Konflikte.

Je weniger überlieferte (Schrift-)Quellen die Historiker für ihre Forschungen vorfinden, umso mehr Raum für freie Deutungen bleibt ihnen (sie müssen "raten", wohl oder übel). Wie viele und vor allem welche Quellen die Geschichtsforschung nutzen kann, hängt teilweise vom Zufall ab, hauptsächlich jedoch von der Arbeit fleißiger Archivare. Deshalb ist die Archivierung des Internet ein Schlüssel für eine gute Geschichtsschreibung des digitalen Raumes. Wenn nicht genug archiviert wird, dann versinken historische Phasen mangels ausreichender Quellengrundlage in der geschichtlichen Dunkelheit. Historiker nennen solche Perioden Dark Ages, und die Anfänge des World Wide Web stellen bereits eine solche Zeit dar.

In der Session werfe ich deshalb einen Blick in die Zukunft und versuche zu erahnen, wie künftige Historikergenerationen das heutige Internet als Forschungsgegenstand wahrnehmen werden. Welche Grundlagen für ihre Forschungen werden sie vorfinden, und wie wird das ihr Arbeiten und ihre Ergebnisse beeinflussen? Droht das heutige Internet (oder wichtige Teile davon) in geschichtlicher Dunkelheit zu versinken? Und falls ja, können wir dagegen noch irgendetwas tun?

STG-11
Wednesday, May 6, 2015 -
17:30 to 18:00
German
Talk
Beginner

Speakers

Digital-Historiker