Surveillance Art und die fehlende Ästhetik der digitalen Massenüberwachung

Arts & Culture
re:publica 2015

Short thesis: 

Schon seit Jahren setzen sich einige duzend Künstler in ihren Werken mit sicherheits- und machtpolitisch motivierter Überwachung auseinander. Von Street Art bis Medienkunst gibt es zahlreiche Werke, die einen näheren Blick wert sind – insbesondere unter dem Aspekt der Ästhetik, der in anderen Bereichen oft etwas zu kurz kommt.

Description: 

"Surveillance Art" ist keine eigene Kunstrichtung, sondern eher ein Suchvektor, unter dem sich Werke verschiedenster Gattungen gruppieren lassen. Dazu gehört Banksys berühmtes CCTV-Graffiti "What are you looking at?" ebenso wie Trevor Paglens Fotoserie "Limit Telephotography". Paglen hielt kilometerweit entfernte Gebäude und Flugzeuge von Militär und Geheimdiensten in verschwommenen Bildern fest. Die Unschärfe wurde zum Symbol der geheimen und doch oft sichtbaren „Black World“ – samt inoffizieller Budgets in Milliardenhöhe und Foltergefängnissen.

Ein weiteres Beispiel ist die Installation „The Situation Room“ des Berliner Medienkünstlers Franz Reimer. In einem Nachbau des Raums, in dem Obama und sein National Security Team die Tötung Osama bin Ladens verfolgten, kann der Besucher deren Positionen einnehmen. Doch der Bildschirm vor der Installation zeigt nicht den tödlichen Einsatz, sondern ein digitales Abbild der Besucher in dem Raum. 

Solchen Arbeiten können einen emotionalen und ästhetischen – vielleicht sogar persönlichen Zugang zu dem komplexen und oft sehr abstrakten Thema geben. Dieser nimmt in wissenschaftlichen und journalistischen Beiträgen naturgegeben wenig Platz ein, ist für das tiefere Verständnis der Problematik aber nicht unbedeutend. Die digitale Massenüberwachung verfügt über ausgesprochen wenig sinnlich wahrnehmbare Aspekte. So dekorierten beispielsweise zahlreiche Medien ihre Beiträge monatelang mit dem Gesicht Edward Snowdens oder mit Kabelsalat im DE-CIX. Die Problematik blieb nahezu ausschließlich über die Textebene erfahrbar, was zu einer Art ästhetischen Lehrstelle führt.

Kunstwerke werden diese Lehrstelle nicht schließen, doch sie können sie thematisieren und vielleicht sogar etwas verkleinern. 

Der Vortrag basiert auf Analysen, welche die Kunsthistorikerin Ines Dorian Gütt im Rahmen Ihrer Masterarbeit „Surveillance Art – Institutionelle Überwachung und deren Folgen in ausgewählten zeitgenössischen Kunstwerken“ vornahm.

STG-11
Thursday, May 7, 2015 - 11:45 to 12:15
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