Wie wir mit Begeisterung das totalüberwachte Bildungssystem einführten – eine Rückschau auf die Jahre 2015 bis 2025

Research & Education
re:publica 2015

Short thesis: 

Das Bildungssystem war spät dran, als die Bundesregierung ihre „Strategie Digitale Bildung“ veröffentlichte, damals in 2015. Wir hatten gedacht, dass die Schule immun gegenüber Veränderungen sei. Und dann ging alles viel schneller als gedacht ... Heute im Jahr 2025 sehen wir rückblickend: Alle wollten immer nur das Beste. Jeder Schritt war willkommen. Und dadurch haben wir ein totalüberwachtes und umfassend kontrolliertes System in der Schule etabliert. Wie konnte es dazu kommen? Der Vortrag gibt Antworten in einer Rückschau auf die Entwicklungen von 2015 bis 2025.

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Das Bildungssystem war spät dran, als die Bundesregierung ihre „Strategie Digitale Bildung“ veröffentlichte, damals in 2015. So gut wie alle anderen gesellschaftlichen Bereiche waren schon vom Digitalen Wandel erfasst worden. Viele Menschen hatten gedacht, dass die Schule immun gegenüber Veränderungen sei. Handyverbote und gesperrte Netze hatten zumindest bis 2016 den Eindruck erweckt, man könne so weitermachen wie bisher. Aber dann war ein Tipping Point erreicht, von dem aus sich die Dinge überschlugen.

Angetrieben wurde die Entwicklung von unten, über die privaten Geräte, die die Schüler/innen ungefragt mit in die Schulen brachten. Man versuchte 2016 zwar noch, die Smartwatches und später die Brillen-Cams genau wie vorher Handys aus den Schulen auszusperren. Aber das kippte endgültig im September 2016 mit dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts, das der Schülerin Yasmin K. das Tragen eines Multifunktionsarmbands gemeinsam mit einem unsichtbaren Funk-Hörimplantat aus gesundheitlichen Gründen erlaubte.

Die Politik trat die Flucht nach vorne an. Nach der Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen im Frühjahr 2017 löste Schwarz-Grün umgehend das gemeinsame Wahlversprechen ein, flächendeckend jede/r Schüler/in ein digitales Endgerät im Schulalltag nutzen zu lassen. Andere Bundesländer zogen nach – bis zum Großen Crash 2020. Als 13 von 16 Bundesländern kurz vor der Zahlungsunfähigkeit stande, sagte der Bund Unterstützung zu.

Die Bundesländer mussten dafür eine De-Facto-Zentralisierung der Schulpolitik zulassen. Das stärkste Argument der Befürworter zog: Nachdem 16 Bundesländer 16 inkompatible Lernplattformen aufgebaut hatten, bedeutete ein Umzug für die Schüler meist einen Verlust des eigenen Lernportfolios und der Datenprofile. Eine Zentralisierung war unvermeidlich geworden.

Und das war erst der Anfang. Heute im Jahr 2025 können wir rückblickend sagen: Jeder Schritt war willkommen. Es gab nie einen Bösen. Alle wollten immer nur das Beste. Und trotzdem (oder deswegen?) haben wir heute ein totalüberwachtes und umfassend kontrolliertes System im Bildungsbereich etabliert, das jedes Blinzeln jedes Lernenden registriert und auswertet. Wie konnte es dazu kommen?

Der Vortrag sucht Antworten in einer chronologischen Rückschau auf die konkreten Entwicklungen von 2015 bis 2025.

STG-10
Wednesday, May 6, 2015 -
10:00 to 10:30
German
Talk
Intermediate

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