#SustainableFriday: „Nachhaltigkeit“ bei der re:publica – Interview mit Nantjen & Alex

13.05.2022 - Francis und Julian trafen sich mit Nantjen und Alex zum Team-internen Interview, um über die Herausforderungen beim Thema Nachhaltigkeit zu sprechen.
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Foto des Regenwalds auf dem der Schriftzug „Nachhaltigkeit“ zu sehen ist

Alexandra Wolf ist eine von zwei Projektleiter*innen der #rp22 und zudem bei der re:publica für Konzept und Entwicklung zuständig. Sie ist seit sechseinhalb Jahren im re:publica-Team und war bisher Programmleitung beziehungsweise Festivalleitung. In puncto Nachhaltigkeit beschäftigt sie, wie das Team zusammenarbeitet und wie gemeinsam das Projekt re:publica und andere Projekte gestemmt werden. Dabei ist Alex besonders daran interessiert, die Community zu involvieren und weitere Möglichkeiten der Teilhabe und des Austauschs entstehen zu lassen.
Nantjen Kuesel ist Projektmanagerin im Programmteam der #rp22 und Nachhaltigkeitsmanagerin. Zusammen mit Alex arbeitet sie daran, Nachhaltigkeit in der Organisation und auch im Festival zu verankern und voranzutreiben.

Vor welchen Herausforderungen steht die Veranstaltungsbranche denn aus eurer Sicht in Bezug auf Nachhaltigkeit?

Alex: Ich glaube, wie bei vielen anderen Unternehmen auch, ist das eine Frage der nachhaltigen Organisationsentwicklung. Meine Überlegungen gehen zunächst von der Team-Seite aus: Wie baue ich Teams auf? Wie speichern und vermitteln wir das Team-Wissen? Gleichzeitig reden wir alle zu oft nur von dem ökologischen Teil der Nachhaltigkeit, aber im re:publica-Team meinen wir natürlich auch andere Aspekte, das Soziale zum Beispiel. Das sind die Werte und Überzeugungen, die wir bei der re:publica hochhalten oder im Programm abbilden, aber eben auch selbst bei uns im Team umsetzen möchten. Und da gilt es zu gucken, was gerade die globalen, gesellschaftlichen, rechtlichen Herausforderungen und wie diese in eine Teamstruktur zu integrieren sind? Das sind Herausforderungen, die nicht nur die Eventbranche betrifft, aber uns eben auch.

Nantjen: Es ist im Grunde genommen eine Aufgabe, die alle Unternehmen betrifft. Wir müssen nachhaltige Lösungen entwickeln und umsetzen, damit uns eine sozial-ökologische Transformation der Gesellschaft überhaupt gelingt. Damit müssen wir auch in der Veranstaltungsbranche verstehen, wo und wie wir nachhaltiger arbeiten können - etwa weniger Emissionen freisetzen und mehr Zugang schaffen, digital wie analog. Wir müssen wissen, in welchen Bereichen wir bereits auf einem guten Weg sind und an welchen Stellschrauben wir noch drehen können, um sozial gerechter und ökologischer zu wirtschaften. Das stellt uns gleichzeitig vor die Herausforderung, dass wir uns nicht nur auf etwa die Produktion konzentrieren können. Nachhaltigkeit muss ganzheitlich gedacht werden und in jedem Arbeitsbereich berücksichtigt werden - von Personal über Programm und Produktion bis hin zum Partnermanagement und IT. 

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Screenshot: Nantjen, Alex, Julian und Francis aus dem re:publica-Team in einem Zoom-Call mit drei Kacheln.

Welche konkreten Maßnahmen setzt die re:publica schon um, um das Festival nachhaltig zu gestalten?

Nantjen: Es ist ein umfangreicher Maßnahmenkatalog, den wir für die #rp22 erstellt haben – den kann man auf der Webseite einsehen. Unser Ziel ist es vor allem, zu vermeiden und wenn das nicht möglich ist, zu reduzieren. So stellen wir auf ein rein vegetarisches Catering um und verzichten auf ein großes Merch-Angebot. Gut aufgestellt, sind wir etwa im Bereich Mobilität: Das Gelände ist für Teilnehmer*innen und Sprecher*innen gut mit öffentlichen Verkehrsmitteln erreichbar. Wir arbeiten mit lokalen Dienstleistern zusammen, dadurch sind Transportwege kurz. Gleiches gilt für nachhaltige Themen im Programm und Genderbalance auf den Bühnen. In Bezug auf Barrierearmut gibt es einige Herausforderungen, wie etwa Sandflächen. An diesen arbeiten wir gerade und hoffen, dass wir noch einiges bis zum Start der re:publica verbessern können. 

Alex: Wir schauen in vielen Bereichen unserer Veranstaltungsorganisation, wie beispielsweise bei der Verpflegung und der Mobilität, wie man einen „Nudging-Effekt“ erzeugen kann, durch gute Angebote in Sachen der Anbindung oder Fahrradständer, die wir aufstellen. Das sind alles Stellschrauben, die wir schon ganz lange bedienen. Ebenso anschaulich ist die Materialfrage. Eine Großveranstaltung hat natürlich unglaublich viel Verbrauchsmaterial. Seit jeher schon verwendet die re:publica das sogenannte „Grid“. Das ist ein modulares Holzraster, das wir für den Standbau und als architektonische Stilelemente einsetzen. Jedes Jahr werden sie eingelagert und zur neuen Saison hervorgeholt, geprüft, repariert und je nach Design angestrichen. Genauso machen wir es mit den Bäckerkisten, aus denen wir viele Dinge bauen: Den beliebten „Affenfelsen“, aber auch unsere Redner*innenpulte oder kleine Tischchen. Das ist nachhaltig und sparsam. Die Bäckerkisten sind ja fast schon ikonografisch für eine re:publica.

Wir finden, dass „Kaufen - Bauen - Wegwerfen“ keine gute Lösung in der Veranstaltungsproduktion ist. Dazu beschäftigen wir uns ganz besonders mit den Materialien, die wir für die Hauptbühne einsetzen. Wenn ihr die nächste re:publica besucht, dann freut euch nicht nur über die tollen Sprecher*innen auf der Bühne und die fantastische Inszenierung durch Licht und Sound, sondern lasst euren Blick über die Materialien schweifen... Ich weiß nicht ob es stimmt, aber der Flurfunk sagt, dass so gut wie alles an dieser Bühne essbar ist. Vielleicht jetzt nicht die Metallträger oder die Möbel (lacht), da sollte man jetzt nicht draufbeißen, aber es wurde wirklich sehr, sehr viel recherchiert und getestet. [Anm. alle Stoffe sind auf Pflanzenbasis und daher sehr leicht kompostierbar bzw. auch essbar, wenn auch nicht unbedingt genießbar] Unser Aufwand diesbezüglich ist, glaube ich, beispielhaft! Man kann uns gerne darauf ansprechen - auf der Veranstaltung direkt oder per Mail - wir sprechen auf jeden Fall sehr gerne darüber und teilen unser Wissen.

Außerdem gehen wir dieses Jahr neue Wege mit den Kopfhörern für die Teilnehmenden an den Bühnen. Wir werden zwar Kopfhörer auf Vorrat haben, plädieren aber dafür, dass alle ihre eigenen Kopfhörer (mit Kabel und Klinke) mitbringen, was vielleicht auch ein bisschen angenehmer ist für das eigene hygienische Wohlbefinden (lacht). Die Teilnehmenden werden so auch ein wenig mit in die Verantwortung genommen, für ihr schönes Festivalerlebnis zu sorgen. Und so ist es dieses Jahr auch beim Merchandise: Klar, wir lieben es alle, Merch von tollen Veranstaltungen mitzubringen, aber wir wissen auch, dass wir dieses T-Shirt oder jenen Jutebeutel wahrscheinlich nicht oft benutzen werden. Auf Vorrat bestellen und bedrucken zu lassen und einen Teil wieder mit ins Lager zu nehmen, kommt für uns dieses Jahr nicht in Frage. Also werden wir eine Siebdruckstation in der Haupthalle aufbauen an der man selbst sein ganz persönliches Erinnerungsstück herstellen kann. Bring your own Shirt, bring your Jutebeutel und bedruck’s einfach selbst! Abgesehen davon, dass das nachhaltiger ist, macht es auch noch mehr Spaß!

Letzte Frage: Wo seht ihr die re:publica „in fünf Jahren“?

Alex: Vielen Dank für diese Frage! (lacht) Ich spiele diese Frage über die Blog-Bande zurück an’s Gründer*innen-Quartett [Anm.: Andreas Gebhard, Johnny Haeusler, Markus Beckedahl und Tanja Haeusler], die das jeweils mit ihrer eigenen Vision beantworten müssen. Wir haben uns noch nicht das Ziel gestellt, in fünf Jahren quasi CO2-neutral zu sein, zum Beispiel. Ausgangspunkt für Zielformulierungen sind unsere Bemühungen zur #rp22 eine sehr ausführliche und detaillierte Bilanz zu erstellen. Und aus dieser werden wir weitere Maßnahmen ableiten. Das heißt, die Frage stellt ihr am besten nochmal kurz nach der re:publica, wenn wir die CO2-Bilanz haben, die wir auch publizieren möchten – nicht zuletzt damit andere davon profitieren.

Dann wandeln wir die Frage ein wenig ab und stellen sie noch einmal Nantjen: Was wären denn deine größten Wünsche für die nächsten fünf Jahre?

Nantjen: Ich glaube daran, dass es nicht mehr notwendig sein wird, darauf hinzuweisen, dass es nachhaltigere Lösungen gibt, sondern dass diese von Anfang an mitgedacht, recherchiert, getestet und umgesetzt werden. Das Schöne ist, dass unser Team das bereits macht. Es ist extrem bemüht, nachhaltig zu arbeiten, nachhaltige Lösungen zu finden, aber es gibt noch nicht für alles eine klare nachhaltigere Lösung oder den einen richtigen Weg. Wir müssen noch viel lernen, ausprobieren und werden oft genug scheitern. Das kann auch anstrengend und unbequem werden, wenn gelernte, eingespielte Prozesse dadurch neu gedacht werden müssen. Insofern kann ich sagen, was auf uns zukommen wird: Mit jedem Blick, den wir auf einen Prozess werfen, wie wir diesen nachhaltiger gestalten können, werden wir viele neue Herausforderungen finden. Herausforderung anzunehmen, sich nicht entmutigen zu lassen und dafür Lösungen zu finden, das ist das eigentliche Ziel für die nächsten Jahre – und dabei Spaß zu haben!

Alex: Ja, und ich wünsche mir vor allem auch, dass die re:publica eine Vorbildfunktion einnehmen kann. Dass unsere Erkenntnisse nicht nur bei uns bleiben, sondern dass wir damit in einen Austausch mit anderen Akteurinnen, mit anderen Veranstalter*innen und der Politik treten können.

Vielen lieben Dank euch beiden für das Interview!

Weitere Infos zum Nachhaltigkeitskonzept für die re:publica 22 gibt es hier auf unserer Infoseite